Das ist also los – in Deutschlands Hundeszene

Mein Blogartikel über meine Sicht auf die Hundeszene in Deutschland stieß auf große Resonanz.Das hätte ich nicht gedacht. Einige Leser haben im blog kommentiert und andere diskutierten unter anderem auf der Facebookseite von hundebloghaus.de . Die häufigsten genannten Gründe für die seltsame Hundewelt in Deutschland habe ich notiert. Das ist also los in Deutschlands Hundeszene.

 

Meine Sicht, dass es in anderen Ländern noch locker und entspannt in der Hundeszene zugeht, wurde auch von einigen Lesern bestätigt. Es kann also immer noch klappen und liegt wohl an der inneren Einstellung der Menschen.  Es liegt also an euch, ihr lieben Hundehalter, ob die Hundeszene eine Wende erfährt oder nicht.

Hunde brauchen Artgenossen, auch um Sozialverhalten zu lernen. Hunde brauchen aber noch viel mehr und für mich ergab sich der Eindruck, dass sich zwar 101 Gedanken um Hundemäntel, Hundebetten, Hundeleinen und Co. gemacht werden, aber die Bedürfnisse des Hundes eine Nebensache wurden. Die lassen sich aber nicht mit dekorativen Utensilien verstecken und auch die teuerste und beste Ernährung (mmmh, neues Diskussionsthema) lässt keine Lebensfreude erschaffen. Ein Hund ist dann lebensfroh und happy, wenn er Hund sein darf – und leider bestimmt der Mensch, was sein darf und was nicht.

Ganz ehrlich gesagt fiel es mir schwer, zu den folgenden Punkten überhaupt etwas zu schreiben. Für mich ist das eine Welt, die mir fremd ist – und ich möchte mich auch gar nicht mit ihr näher bekannt machen. Für mich ist da eine große Verständnislosigkeit. Auf der einen Seite wird viel Aufhebens betrieben. Zum Beispiel werden Endlos-Diskussionen um die einzig wahre richtige Ernährung geführt. Es gibt zig Shops für Hundebekleidung, Hundeleinen, Hundebetten in allen Variationen usw. Aber, die Bedürfnisse des Hundes kommen auf der anderen Seite häufig viel zu kurz. Mir fehlt wohl das Verständnis für das, was in Deutschlands Hundewelt vorgeht. Und mein Ziel ist es auch nicht, dahin zu kommen und mich an diese veränderte Situation anzupassen.

Meine Hoffnung – vor allem für all die Hunde –  ist, dass sich diese Szene wieder dreht, denn scheinbar gibt es nur noch wenige Hundehalter in Deutschland, die mit dieser Situation glücklich sind. Zu ändern ist das aber nur durch die Hundehalter.

Hier nun die häufigsten erwähnten Gründe, warum die Hundeszene aus der Balance geraten ist:

Fehlendes Gefühl für hündisches Verhalten

Nun wäre also der erste wichtige Schritt für jeden Hundehalter: Lernt hündisches Verhalten kennen! Beobachtet Hunde und insbesondere euren Hund.

Schaut euch die Körpersprache an und versucht sie zu deuten. Für Anfänger geht es dabei erst einmal „nur“ um die Basics: Wie drückt ein Hund Angst, Aggression, Schmerz, Unsicherheit, Freude usw. aus?

Übrigens kann Körpersprache nicht durch ein einziges Merkmal verstanden werden. Körpersprache = das Gesamtbild des Hundes – und auch des Menschens.

Schwanzwedeln wird beispielsweise von zu vielen Menschen immer noch als eindeutiges Signal für Freude angesehen. Das ist aber nur ein Teil, ein Ausschnitt der Körpersprache. Eine falsche Sicht entstand auch, als plötzlich der Blick auf bestimmte Signale gerichtet wurde, die Beschwichtigungsgesten sein können. Bei den sogenannten Calming Signals ist ebenfalls die gesamte Körperhaltung des Hundes zu beachten – zudem die einzelne Situation, die Persönlichkeit des Hundes usw.

Es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, auf jedes hündische Verhalten und jede Körpersprache einzugehen. Hilfe findet ihr vielleicht bei Hundetrainern – vielleicht. Vielleicht wäre aber auch ein erfahrener und entspannter Hundehalter hilfreicher. Egal bei wem ihr Hilfe sucht: Schaut euch vorher genau das Mensch-Hund-Team an. Wirkt das Team entspannt, harmonisch und happy? Dann fragt, ob ihr euch ein bisschen von diesem Team abschauen könnt. Wirken Mensch und Hund eher steif, angespannt, hektisch usw.? Dann haltet lieber Abstand – auch, wenn es sich dabei um einen Hundetrainer handelt.

Ein Hindernis können Interpretationen sein, die je nach Erfahrung unterschiedlich ausfallen können. Jeder Hund ist eine einzigartige Persönlichkeit und das drückt sich unter anderem auch im Verhalten aus. Beispiel: Mein Hund bleibt beim Spaziergang an manchen Stellen stehen und schaut ziemlich starr die Umgebung an. Irgendwann traf ich einen Hundehalter und der sagte dann: „Ach, noch so ein Angsthase. Das macht meine Hündin auch, wenn ihr etwas unheimlich ist“. Zwei Hunde, scheinbar ein und die gleiche Körperhaltung, gleiches Verhalten – und trotzdem aus unterschiedlichen Gründen: Die eine Hündin bleibt bei Unsicherheit stehen, die andere sucht die Gegend nach Kaninchen ab.

Aber zurück zum Problem: Wenn schon Hundeschule, dann sollte dort zumindest ein Anfängerkurs angeboten werden, in dem die Basics hündischen Verhaltens gelehrt werden. Hündisches Verhalten kann nicht in einem einzigen Kurs erlernt werden, zumal wir Menschen nie ganz und gar das Verhalten einer anderen Art perfekt und treffsicher deuten können – das schaffen wir ja noch nicht einmal innerhalb der eigenen Art.

Meiner Meinung nach sollte aber jeder Mensch, der sich ein Haustier zulegt, zuvor seinen Wissenschatz über genau dieses Haustier aufbessern. Wenn ihr euch einen Hund ins Haus holen möchtet, dann bitte informiert euch vorher gründlich.

Würde ich mir ein Pferd zulegen wollen, dann müsste ich ganz viel lernen – und zwar vorher. Nicht erst, wenn das Tier bei mir im Stall stünde.

Zu viele Hunde werden zum Problemhund gemacht

Nächste Aussage, die öfter vorkam: Es gibt eigentlich nicht wirklich viele, tatsächliche Problemhunde, sondern sie werden zu oft als Problemhund abgestempelt – scheinbar auch von Hundeschulen. Zu häufig bekommen Hunde ein Problem attestiert und das oftmals von Hundetrainern. Also wird der vorsichtige Hund zum Angsthund, der bellende Hund zum Beißer, der noch stürmische und sehr lauffreudige Junghund zum Hund mit neurotischer Störung. Ganz beliebt  ist übrigens auch die Schilddrüse: Bei jedem unerwünschten Verhalten wird sofort geraten, die Schilddrüse überprüfen zu lassen.

Hier wirft sich die Frage auf: Problemhund oder Problemmensch? Ein problemloser Hund ist scheinbar nicht im Trend. Wenn schon, denn schon…muss es ein Hund mit schwerer Vergangenheit sein und wenn das nicht gegeben ist: Ja, irgendein Problem wird man ihm schon andichten können.

Boh, total fies…

Problem hin oder her: Sollte dein Hund ein echtes Problem haben, dann lässt sich das nur im Hier und Jetzt lösen. Die ewige Ursachenforschung bei Auslandshunden ist ziemlich sinnbefreit. Ja, vielleicht hatte dein Hund eine schlimme Vergangenheit, aber jetzt ist er hier bei dir. Zudem sollten manche Grenzen schlicht und ergreifend akzeptiert und nicht jahrelang am Hund rumgedoktort werden.

Wenn dein Hund z.B. nicht nett auf andere Hunde reagiert – dann sieh das als Teil der Persönlichkeit deines Hundes an. Mach daraus nicht DEN Problemhund und lass es auch nicht zu, dass andere Menschen (z.B. Hundetrainer) ihn dazu machen. Es ist eine Eigenschaft deines Hundes – vielleicht durch Erfahrungen erworben oder auch nicht. Es ist aber nur eine Eigenschaft deines Hundes und die macht sicherlich nicht die gesamte Persönlichkeit deines Hundes aus.

Gesellschaftliche Erwartungen und Rücksichtslosigkeit

Zwei weitere Punkte, die genannt wurden. Die Hundeszene spiegelt also ein wenig die Gesellschaft. Die Erwartungen in dieser Gesellschaft sind ja nun tatsächlich hoch: Es wird das Perfekte angestrebt, in jeglicher Beziehung. Perfekte schulische Leistungen, perfekte berufliche Leistung, es muss der perfekte Partner her und die Kids müssen sich perfekt entwickeln.

In einer Gesellschaft, in der Perfektionismus erstrebenswert ist, muss natürlich auch der Hund perfekt funktionieren – und mit einer solchen Erwartungshaltung kann nur Chaos entstehen.

Dein Hund ist ein Lebewesen und kein Roboter – und selbst Roboter funktionieren nicht immer einwandfrei.  Ein Lebewesen hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Bedürfnisse, Vorlieben und Abneigungen und einen eigenen Kopf, sprich Willen. Das dürfte eigentlich jedem Menschen bekannt vorkommen, so als Lebewesen.

Und ja, es gibt Menschen, die verdammte hohe Erwartungen an ihre Mitmenschen stellen. Mit solch einer hohen Erwartungshaltung entwickeln sich aber nur selten gute Beziehungen.  Nicht anders ist es beim Mensch-Hund-Team. Du hast Erwartungen und die werden halt nicht in jeglicher Hinsicht erfüllt – auch dann nicht, wenn du dir einen Rassehund zulegst, weil dir die Rassebeschreibung so perfekt vorkam. Die Hunde dieser Rasse haben die Beschreibung garantiert nicht gelesen und kommen tatsächlich als Individuen auf die Welt.

 

Aber, auch Nicht-Hundehalter haben manchmal wirklich überzogene Erwartungen. Zum Beispiel sollen Hunde bitteschön zum unsichtbaren und unhörbaren Wesen mutieren. Da hat man als Hundehalter schon ein schlechtes Gewissen, wenn man sich außerhalb seiner vier Wände mit dem tierischen Freund bewegt. Das ist nun ein dickes gesellschaftliches Problem, das sich auch nicht mal eben lösen lässt. Die Toleranz ist verloren gegangen, vielleicht auch die gegenseitige Rücksicht?

In der Diskussion um meinen Blogartikel kam immer wieder die seltene Rücksichtnahme zur Sprache. Zum Beispiel konnte man sich früher darauf verlassen, dass ein freilaufender Hund ein sozialer Hund ist. Das geht scheinbar heute nicht mehr. Das ist für mich ein Unding. Aggressiv reagierende Hunde gehören an die Leine, Punkt und Ausrufezeichen! Da fehlt mir auch die Fähigkeit, mich in diese Hundehalter reinzuversetzen: Aus welchem Grund lässt man solche Hunde freilaufen?

Natürlich brauchen auch diese Hunde ihre Bewegung und Freilauf bedeutet zudem ein Mehr an Freiheit. Das Bedürfnis ist ja nicht weg, weil diese Hunde kein Sozialverhalten haben.

Für mich gilt jedoch die Devise: Der Hund darf ziemlich viele Freiheiten genießen, solange er keinen Menschen und keinen Hund stört – und erst recht nicht verletzt.

Da wären wir wieder bei der Frage: Problemhund oder Problemmensch? Ein Hundehalter, der so verantwortungslos agiert und seinen aggressiven Hund auf Teufel komm raus freilaufen lässt, ist ein ziemlich egoistischer Problemmensch – denn er sorgt dafür, dass andere Menschen und Hunde Probleme bekommen.

Die bösen Radfahrer…

Bezüglich der fehlenden Rücksichtnahme werden auch Radfahrer genannt. Diese Menschengruppe scheint die Rechte für sich gepachtet zu haben – oder auch nicht. Also, auch bei uns in Spanien gibt es Radfahrer und das massenhaft. Es sind entweder Mountainbiker oder Rennradfahrer. Ja, manche Radfahrer nehmen wenig Rücksicht auf Fußgänger und noch weniger auf Hunde. Von den meisten Radfahrern kann ich aber nichts Schlechtes berichten, denn: Für mich ist es selbstverständlich, meinen Hund zu mir zu rufen. Emma muss dann am Wegrand warten, bis der Radfahrer vorbeigefahren ist. Dafür bedanken sich die allermeisten Radfahrer.

Ich finde es nicht schlimm, genau das meinem Hund beizubringen. Käme ein Auto gefahren, würde man das ja auch tun.

Was ich sehe: Die Radfahrer sind dann sauer, wenn sie von Hunden gejagt werden. Und ehrlich, da wäre ich auch sauer und würde das nicht unbedingt lustig finden.

In Deutschland sind wir an einem See spazieren gegangen. Der Weg war für Fußgänger und Radfahrer da. Da bummelte eine Hundehalterin mit drei kleinen Hunden und ließ es zu, dass ihre Zwerge kläffend jedem Radfahrer nachliefen. Es fuhren auch Kinder dort mit ihren Rädern. Lustig war das nicht und ich hätte vollstes Verständnis gehabt, wenn die Eltern der Hundehalterin die Leviten gelesen hätten.

Es sind nicht immer die bösen Radfahrer, die rücksichtslos handeln. Dabei kann man das mit seinem Hund prima üben, dass Vierbeiner an die Seite gehen, wenn sich ein Fahrzeug nähert. Im Laufe der Zeit muss man den Hund auch gar nicht mehr rufen. Er geht dann von selbst an die Seite – und nimmt übrigens Fahrzeuge viel eher wahr als du.

Tutnixe – das Unwort in Deutschland

Dann kommen immer wieder die Tutnixe zur Sprache. Wenn ich mich richtig erinnere, stammt diese Wortschöpfung vom Rütter. Tutnixe = noch etwas stürmische Hunde, die zu anderen Hunden rennen und vielleicht auch noch nicht perfekt (da isses wieder, der Wunsch nach dem Perfekten) auf den Rückruf hören.

Meistens handelt es sich dabei um noch junge Hunde und eigentlich kennen die meisten Hundehalter das Dingen mit den Junghunden: Ohren sind auf Durchzug gestellt, denn schließlich will das Pubertier seinen Spaß haben.

Da fehlt so ziemlich viel Verständnis für junge Hunde. Watn Drama! Ein Junghund kommt angelaufen!

Meine Emma mag auch keine stürmischen Hunde. Manchmal kommt sie dann zu mir. Dann halte ich den Tutnix auch von Emma weg, was nicht immer ein einfaches Unterfangen ist. Diese quirligen Tiere sind viel flinker und wendiger als ich – sieht bestimmt manches Mal lustig aus. Manchmal regelt Emma das auch alleine, indem sie knurrt, abschnappt oder eine andere Strategie anwendet: Mit Welpenstimme einmal kurz aufschreien. Da bleiben die Tutnixe erstmal verdutzt stehen. Und manchmal sieht ein Wirbelwind nur nach Tutnix aus und Emma findet den dann doch ganz cool.

Tutnix? Jo, der tut echt nix

Es ist aber kein Drama. Es wird zum Drama, wenn ich den Tutnix als Dramenheld ansehen würde. Zum Beispiel indem ich ihn mit Wasser bespritze (die Leute gibt’s  tatsächlich), anschreie, dem Besitzer lauthals Vorwürfe entgegen rufe oder… mir geht an dieser Stelle die Fantasie aus.

Mit all diesen Dramen zeige ich meinem Hund: Achtung! Dieser Tutnix ist ein böser Feind!

Also generell sehe ich hier das fehlende Verständnis für Junghunde. Was ich als selbstverständlich betrachte:

  • Hast du einen körperlich großen Tutnix und kommt dir ein kleiner Hund (vielleicht sogar auch ein Tutnix) entgegen, dann leine deinen Riesen doch einfach erstmal an. Für so Zwerge ist es nämlich nicht sooo prickelnd, wenn sie von einem schweren Tutnix angerempelt oder besprungen werden.
  • Kommt dir ein angeleinter Hund entgegen – dann leine deinen Hund an. Die Regel sollte immer gelten, nicht nur für Tutnixe. Warum der andere Hund angeleint ist, kannst du nämlich nicht wissen. Vielleicht hat er Rücken oder ist frisch operiert oder oder oder.
  • Falls dein Tutnix in der Phase ist, in der seine Ohren förmlich verklebt zu sein scheinen, gelten trotzdem die oberen zwei Punkte. Wenn du wie eine komische Comicfigur hinter deinem Tutnix herrennen musst, dann übe lieber noch einmal den Rückruf und das zunächst an langer Leine. So ein großer Tutnix, der z.B. Menschen vor Übermut anspringt, kann mitunter den Menschen stark verletzen. Ein kleiner Tutnix wird das zwar nicht schaffen (ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der vom Yorkshire umgeworfen wurde), aber auch den wollen manche Menschen nicht an sich kleben haben. Es kann auch sein, dass dein noch übermütiger Zwerg an einen Hund gerät, der  auf solche Minis nicht gut zu sprechen ist. Dann hast du vielleicht einen verletzten Tutnix – und der andere Hundehalter quält sich mit Vorwürfen. Rücksicht – so einfach könnte es sein.

Ansonsten finde ich die Tutnixe nicht schlimm. Erwachsene Hunde mit normalen Sozialverhalten wissen diese Stürmlinge in die Schranken  zu weisen – und mit dieser Konsequenz müssen der Tutnix und auch sein Halter dann leben. In der Regel lernen Junghunde unter anderem durch solche Erlebnisse auch den späteren, normalen Umgang mit Artgenossen. Einen Tutnix nun ständig an der Leine zu halten, wäre also auch nicht förderlich. Wenn dein Tutnix deinen Rückruf überhört hat, dann nimm deine Beine in die Hand und siehe zu, dass dein Hund andere Menschen oder Hunde nicht weiter belästigen kann. Ein „Entschuldigung“ sollte für dich selbstverständlich sein.

So, und nun an die, die sich dauernd über Tutnixe aufregen: Mit Humor geht alles besser. Dein Hund war auch mal jung und ungestüm und dein Hund wird garantiert nicht immer den Pokal für „Bestes Benehmen ever“ gewinnen können. Also: Ruhig bleiben, lächeln oder lachen und Verständnis für den Tutnix-Halter aufbringen. Ein Tutnix wird ja deshalb Tutnix genannt, weil er nix wirklich Schlimmes tut.

 

„Seht ihr den Tutnix? Komm, wir erteilen ihm mal ne Lektion“

Weitere Gründe

Mein Hund spielt aber nicht

„Mein Hund will nicht spielen“ – jo, darum geht es ja auch gar nicht. Viele erwachsene Hunde wollen nicht mehr mit jedem fremden Hund spielen. Das heißt aber nicht, dass sie überhaupt keinen und niemals nie mehr Kontakt zu Artgenossen haben wollen.

Falls du einen Hund hast, der andere Hunde ignoriert – na prima, was ist dann das Problem? Dass mal ein Tutnix oder ein anderer Hund zu deinem kommt? Ist das ein Problem?

Was ist so problematisch daran, wenn ein Hund keinen Block auf ein lustiges Spiel hat? Dann hat er eben keine Lust dazu. Muss man deshalb jeden Hund verteufeln, der gerne andere Hunde kennenlernt? Der mal gucken gehen will, wer der andere ist? Ist das ein Problem?

Falls das eure Probleme sind, dann verstehe ich euch tatsächlich nicht.

Überall Straßen oder Schienen

Jawohl, is so. In Deutschland ein Fleckchen Natur zu finden, das nicht mit kurzem Abstand von Straßen oder Schienen umzingelt ist – das ist schwierig. Je nach Gegebenheiten lasse auch ich meine Hündin dann nicht freilaufen. Wenn du dann auch noch einen Hund mit großer Jagdmotivation hast – jo, dann wird es in Deutschland wirklich schwer.

Aber, liebe Leute, selbst wenn der Hund angeleint bleiben muss, weil von der Natur nicht mehr viel übrig geblieben ist, kann Kontakt zu Artgenossen ermöglicht werden. Dein Hund kann also aus genannten Gründen nicht freilaufen und jetzt verbietest du ihm auch noch den Kontakt zu anderen Hunden – ganz schön scheiße.

Solltest du so handeln: Gehe zurück zu Punkt 1 (Hündisches Verhalten lesen lernen). Auch bei angeleinten Hunden ist zu erkennen, ob die sich nur mal kurz kennenlernen wollen, sich sympathisch sind oder sich an die Gurgel wollen.

Und: Nein, nicht jeder Hund will jeden Hund kennenlernen. Ich finde es aber sehr seltsam, wenn ein Hund gar keinen Artgenossen kennenlernen möchte. Es soll solche Hunde geben – ich habe noch keinen kennengelernt. In der Regel (!) wollen Hunde aber zumindest mal kurz den anderen beschnüffeln – und fertig. Und ja, dabei beschnüffeln sie mitunter auch das Hinterteil des anderen. Das is nix Schlimmes.

Zeigt dein Hund dir, dass er gerne Artgenossen kennenlernen möchte: Ja, was spricht dagegen? Du wirst genügend Hunde finden, die das ebenso möchten. Und die anderen lässt du halt gekonnt links liegen, fertig.

 

Noch was zum Schluss

Dein Hund reagiert auch auf deine Gefühlswelt. Deshalb ist Selbstreflexion sehr wichtig – übrigens nicht nur als Hundehalter. Dazu fällt mir immer wieder ein Buch mit folgendem Titel ein: „Der Hund in deinem Kopf“ von Martina Braun.

Deine Erwartungshaltung bestimmt mit über das Verhalten deines Hundes.

Anmerkung: Bitte beachte das „bestimmt  mit“. Ich habe nicht geschrieben: bestimmt alleine über das Verhalten deines Hundes!

Durch dein Verhalten (und das wird durch deine Erwartungen und Überzeugungen bewirkt) zeigst du deinem Hund, wie die Welt so tickt.

Du hast vielleicht einen sogenannten Angsthund aufgenommen. Er wird Zeit brauchen um zu lernen, dass die Welt doch nicht so beängstigend ist. Bei diesem Lernprozess wird er dich auch beobachten. Reagierst du nun selbst mit einer ängstlichen Erwartungshaltung auf z.B. andere Hunde, vermittelst du deinem Hund: Oh jeeeee, ein HUND! Feind! Bösewicht! Hilfeeee!

Es geht aber auch anders und dazu abschließend ein Beispiel von einem Mann, den ich öfter beim Spaziergang treffe:

Dieser Mann, ein deutscher Rentner, hat eine Hündin aus Rumänien. Diese Hündin lebt nun seit rund acht Monaten bei diesem Mann. Diese Hündin hatte Angst vor vielen Dingen, Geräuschen und überhaupt war sie mit der für sie neuen Welt ziemlich überfordert.

Weil diese Hündin so panisch/ ängstlich ist, läuft sie immer noch an einer sehr langen Leine. Und weil sie angeleint natürlich nicht so laufen kann, wie sie das im Freilauf könnte, geht dieser Mann täglich vier Stunden mit ihr spazieren.

Diese Hündin reagierte höchst unsicher, ich würde sagen ziemlich ängstlich auf Artgenossen. Aber: Der Mann sah nun trotzdem nicht in jedem Hund eine Gefahr. Er blieb gelassen und entspannt und hat die Einstellung: Sie muss das einfach kennenlernen, denn wir werden immer wieder Hunden begegnen.

Er hielt die Hündin also nicht von Artgenossen ab und hielt andere Hunde auch nicht von ihr fern.

Die Hündin kann von ihrem entspannten und lockeren Herrchen profitieren. Jetzt reagiert sie neugierig auf andere Hunde, möchte sie beschnüffeln und kennenlernen. Wenn die Chemie passt, würde sie auch gerne mit ihnen ein bisschen flitzen oder am Strand Löcher buddeln oder gemeinsam die Büsche inspizieren. Das geht leider noch nicht – aber ich bin sicher, in absehbarer Zeit wird das möglich sein.

Wie hätte sie sich wohl entwickelt, hätte dieser Mann jeden Hund geblockt und vertrieben? Ihr könnt es euch sicherlich denken – oder nicht?

Und übrigens: Auch das ist ein schöner Teil vom Leben als Hundehalter: Man kommt schnell mit anderen Menschen (Hundehaltern) in Kontakt. Diesen Mann hätte ich wahrscheinlich nicht kennengelernt, hätten wir keine Hunde – oder hätte einer von uns beiden die Einstellung: Hilfe, anderer Hund, schnell weg! So kamen nicht nur unsere Hunde, sondern auch wir in Kontakt – und jetzt freuen wir uns jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen (sowohl wir Menschen, als auch die Hündinnen). So kann es sein.

Ich wünsche euch viele schöne Begegnungen! Bleibt gelassen, locker und entspannt und vergesst eure humorvolle Seite nicht. Mal sehen, ob ich nach dem  nächsten Deutschlandbesuch positive Veränderungen in der Hundeszene vermelden kann.

2 Kommentare

  • hundebloghaus

    Mal wieder sehr treffende Zeilen…und ich freu mich, dass dein erster Artikel auf so große Resonanz gestoßen ist.
    Ich hatte ihn nicht nur bei mir gepostet, sondern auch noch in einigen anderen Hundegruppen und ich war ziemlich erleichtert, dass es offenbar noch viele, viele andere Menschen in Deutschland gibt, die sich in deinen Worten wiederfinden konnten.
    Dein Part über die „die tut nixe“ oben finde ich so auf den Punkt…und deine Sätze zur Rücksichtslosigkeit manchen Zeitgenossen auch: „Das ist für mich ein Unding. Aggressiv reagierende Hunde gehören an die Leine, Punkt und Ausrufezeichen!“
    Danke dafür.

    Ganz liebe Grüße
    Danni

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