Hunde verstehen lernen: Beschwichtigungssignale beim Hund

Das Thema „Beschwichtigungssignale“ wird in der Hundeszene viel diskutiert. Was sind die sogenannten Calming Signals und woran soll ein Hundehalter erkennen, wann sein Vierbeiner solche Signale sendet? Selbst Experten liefern verschiedene Beobachtungsergebnisse. Da scheint es nicht so einfach zu sein, das Verhalten seines Hundes verstehen zu lernen…

Calming Signals – Rugaas contra Bloch?

Beschwichtigungssignale gehören zum Kommunikationsrepertoire der Hunde. In der englischen Sprache werden diese Signale „Calming Signals“ genannt. Die norwegische Hundetrainerin Turid Rugaas hat mit ihrem Buch „Die Beschwichtigungssignale der Hunde“ das Thema unter die Hundehalter gebracht. Ihre Beobachtungen waren und sind wichtig, denn weil das Thema bekannt wurde, achten mehr und mehr Hundehalter auf die Signale und die Körpersprache ihrer Vierbeiner. Wenn du deinen Hund verstehen lernst, kannst du besser auf deinen Hund eingehen und wirst ebenso erkennen können, wann beispielsweise dein Hund tatsächlich eine Spielaufforderung macht und wann dieses Verhalten zur Beruhigung (Beschwichtigung) dienen soll.

Allerdings scheint es doch nicht so easy zu sein pauschal zu sagen: Diese und jene Signale sind Calming Signals. So wurden manche Behauptungen Rugaas´ von der Biologin Mira Meyer als Fehlbehauptung dargestellt. In der Diplomarbeit Meyers wurden einige von Rugaas beschriebene Calming Signals widerlegt. Diese von 2006 stammende Arbeit ist noch heute auf der Webseite von Günther Bloch (hundefarm-eifel.de) zu bekommen (Preis: 16,50 € – klickst du hier).

Wenn sich schon Experten streiten – wie soll dann der gemeine Hundehalter lernen, seinen Hund zu verstehen? Wie soll er erkennen können, ob Hunde beschwichtigen oder nicht, ob sie Stress haben oder Lust auf Spiel verspüren?

Alles Calming Signals oder was?

Laut Turid Rugaas werden Beschwichtigungssignale vom Hund angewendet, wenn er einen Konflikt vermeiden oder sich selbst (bei  Stress) beruhigen möchte. Rugaas glaubt, dass sich das Vertrauensverhältnis bessert, wenn der Mensch diese Signale seines Hunde erkennen lernt und entsprechend reagiert oder sogar agiert: Diese Calming Signals sollen vom Menschen beachtet werden oder sogar selbst angewendet werden.

Meine persönliche Meinung dazu: Ja, es ist sehr wichtig, dass du deinen Hund kennenlernst und somit auch erkennst, wann dein Hund Beschwichtigungsgesten einsetzt und wann er gestresst ist – so ist nicht alles Spiel, was nach Spiel aussieht. Aber, immer wenn es darum geht, dass wir Menschen hündisch kommunizieren sollen, schlage ich Bücher zu oder klicke Webseiten weg. Warum? Weil wir Menschen sind und Hunde Hunde sind. Wir werden niemals hündisch kommunizieren können, sowie Hunde unsere Sprache nicht sprechen lernen werden. Um bei den Calming Signals zu bleiben: Es wird weder Hund noch uns Hundehalter weiterbringen, wenn wir lediglich EIN Signal beachten, aber die gesamte Körpersprache des Hundes in der einzelnen Situation missachten. Auch wir Menschen senden nicht nur EIN Signal aus; auch unsere Körpersprache besteht stets aus mehreren Signalen.

Nun schauen wir uns mal Beispiele der Beschwichtigungssignale an, die laut Rugaas der Konfliktvermeidung oder dem Stressabbau dienen:

  • Der Hund gähnt
  • Der Hund wendet den Kopf ab
  • Der Hund wendet sich mit dem ganzen Körper ab
  • Der Hund leckt sich über die Nase
  • Der Hund schnüffelt scheinbar grundlos am Boden
  • Der Hund hebt seine Pfote an
  • Der Hund geht einen Bogen
  • Der Hund senkt leicht seine Augenlider
  • Der Hund friert ein (erstarrt)
  • Der Hund legt oder setzt sich hin
  • Der Vorderkörper des Hundes geht in Tiefstellung (wie bei einer                          Spielaufforderung)
  • Die Bewegungen des Hundes werden langsam

Diese Signale KÖNNEN Beschwichtigungssignale sein – können, nicht müssen. Das Dingen ist nämlich, dass plötzlich sämtliche dieser und anderer Verhaltensweisen als Beschwichtigung oder Stressabbau angesehen werden. Wird jedes Gähnen, Schnauzen lecken, hinlegen usw. als Calming Signal interpretiert, kann dies mitunter a) das Verhältnis zwischen Mensch und Hund stören und b) das Sozialverhalten des Hundes gegenüber Artgenossen zerstören (wenn der Mensch ständig eingreift, weil sein Hund vermeintlich beschwichtigend reagiert oder anscheinend Stress hat).

Ein Beispiel von meiner Hündin Emma:

Emma geht in der Regel friedlich und freundlich auf Artgenossen zu und gehört eher zu den unterwürfigen Hunden. Jemand, der sie nicht so gut kennt wie ich, könnte ihr Verhalten so manches Mal fehl deuten.

Mit diesem jungen Hund aus der Nachbarschaft spielt sie sehr gerne:

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Ähnlich sieht das Körperverhalten Emmas aus, wenn sie einem anderen Hund der Nachbarschaft begegnet. Aber: Dieser Hund kommt immer knurrend,mit gesträubtem Fell und in angespannter Körperhaltung auf Artgenossen zu.

Leider habe ich keine Fotos davon, wie Emma auf diesen Hund reagiert. Auf Fremde wirkt das wie eine Spielaufforderung, also wie oben auf dem Foto mit dem Junghund. In dem Fall geht Emma aber sozusagen mit der Friedensfahne auf ihn zu, um ihm zu signalisieren: „Beruhige dich, ich bin es, die Emma, die in friedlicher Gesinnung kommt“. Nach diesem Calming Signal sieht das dann so oder ähnlich aus:

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Clara und Emma lernten sich an diesem Tag erst kennen. Beide noch unsicher, was sie vom Gegenüber halten sollen und auch Clara ist eher der unterwürfige Typ. Gespielt wurde erstmal nicht, das kam erst viel später.

Clara mit Emma

Clara mit Emma

 

Bei Hunden, vor allem bei großen Hunden, leckt Emma manchmal die Schnauze. Sie ist gegenüber großen (und/ oder stürmischen und/ oder laut bellenden) Hunden sehr unsicher, manchmal ängstlich. Dann zeigt sie Beschwichtigungsgesten, z.B. indem sie sich hinlegt, dem anderen über die Schnauze leckt usw. Leckt sie dann den anderen Hund, dann geschieht das sehr schnell und hektisch, fast pausenlos. Das folgende Bild zeigt Emma mit ihrem verstorbenen „Stief-Opa“ Lucky. Hier war das Lecken langsam und als Sozialgeste gedacht und zwar zur morgendlichen Schmusestunde, die jeden Morgen stattfand:
Lucky und Emma Love

Lucky und Emma1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jack und Emma kannten sich zum Zeitpunkt dieser Fotoaufnahme noch nicht lange. Emma war gegenüber Jack sehr unsicher und dieses welpenhafte Verhalten zeigt Beschwichtigungssignale:

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Ich könnte jetzt noch mehr Fotos von Beispielen für Calming Signals zeigen und auch für Beispiele, bei denen es nach Beschwichtigungssignal aussehen könnte, aber keines ist. Zum Beispiel habe ich einmal ein Foto veröffentlicht, auf dem Emma die Augen zukniff. Auf dieses Foto hin wurde ich angeschrieben und darauf hingewiesen, dass Emma in dieser Situation wohl gestresst gewesen sei (Calming Signal Augenlider absenken). Die Wahrheit war: Ich lebe in Spanien und hier scheint sehr oft die Sonne – und wenn die blendet, kneift Hund (und häufig auch der Mensch) die Augen zu. Schon lustig, wie manches gedeutet wird :))

Mein Tipp: Lerne DEINEN Hund verstehen!

Nicht alles, was nach Calming Signals aussieht, müssen Beschwichtigungssignale sein. Weil eine Zeit lang der Hype in der Hundeszene so enorm war und jedes scheinbare Signal a la Turid Rugaas der Beruhigung/ Beschwichtigung diente, war wohl der Gegenwind von Bloch/ Meyer ziemlich heftig. So ist im Shop der Eifelfarm bei der Bestellungsmöglichkeit der Diplomarbeit Meyers zu lesen: „Achtung: Interessenten können ab sofort die erste WISSENSCHAFTLICH ERNSTZUNEHMENDE Arbeit zum Thema Beschwichtigung (Mira Meyer, 2006: „Die Beschwichtigungssignale der Hunde, Untersuchung ausgewählter Signale in einer frei lebenden Hundegruppe“), die im Rahmen unseres Italienprojektes als Diplomarbeit erarbeitet wurde, bestellen. Aus diesem Grund distanzieren sich alle Vertreter der Hunde-Farm „Eifel“ hiermit offiziell vom dem in Deutschland grassierenden Beschwichtigungswahn, der fatale Folgen für die Mensch-Hund Beziehung haben kann.“.

Nun ja, ein Extrem trifft auf das andere…

Deshalb mein Tipp für dich: Lerne Deinen Hund kennen! Beschäftige dich mit der Körpersprache und dem Verhalten von Hunden. Lege dir Basiswissen über hündische Kommunikation und Verhaltensweisen zu. Das sehe als wichtig für jeden Hundehalter an.

Lese dazu auch durchaus das Buch von Rugaas und vielleicht ebenso die Diplomarbeit von Meyer – oder zudem weitere Bücher anderer Autoren.

Dann beobachte DEINEN Hund, denn jeder Hund hat seine Persönlichkeit, macht eigene Erfahrungen und testet verschiedene Strategien aus.

So können Gähnen, Pfote anheben oder andere Signale der Beschwichtigung/ Beruhigung dienen. Aber, es kann auch etwas anderes dahinter stecken.

Emma zum Beispiel hat durch Erfahrung gelernt: Hebe ich die Pfote vor  Frauchen an und blinzle dabei mit den Augen, dann bekomme ich von Frauchen meinen Wunsch erfüllt.

So springt sie beispielsweise aufs Sofa, wo ich gerade sitze und in Ruhe lesen möchte. Emma wünscht sich aber, jetzt sofort in den Garten zu gehen – und hebt die Pfote und blinzelt mich an. Einmal irgendwann in früher Kindheit oder Jugend ausprobiert – hat funktioniert und wird nun bei Bedarf angewendet.

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