Erfahrung mit Hunden aus dem Auslandtierschutz-Anja Möbes

Vor kurzem rief ich in diesem Blog zur Mach-mit-Aktion auf: Mach´ mit – Erfahrungsberichte Auslandstierschutz.

Der erste Erfahrungsbericht ist nun da:

Anja Möbes ist seit 2006 Pflegestelle für den Verein, von dem 3/4 ihrer Hunde stammen. Sie war  auch mehrfach eine Zeit lang bei  ehemaligen Partner-Auffangstationen des Vereins in Nordgriechenland, um dort zu helfen. Wie Anja  selbst sagt ist sie „also nicht der Hundesuchende, der einfach bloß einen vierbeinigen Gefährten sucht, sondern eine Pflegestelle, die mitunter versagt und den ein oder anderen Pflegehund dann selbst behalten hat“.

Zunächst ein paar Fragen zu deinem Hund: Wie lange lebt er schon bei dir? Wie alt ist dein vierbeiniger Freund? Welche Rasse oder welcher Mischling ist dein Hund? Hündin oder Rüde? Kastriert oder nicht?

Vier Hunde leben aktuell in unserer Familie (es waren aber auch schon mal sechs ):

  • Jasper – 13,5 Jahre, Gos d’atura catala-Mix von Gran Canaria, kastriert, aber trotzdem Macho, mittlerweile fast taub und beginnend dement, unser Altertümchen, mit dem alles begann und an dessen Seite meine Kids aufgewachsen und in die Welt der Hunde hineingewachsen sind
  • Rica – knapp 10 Jahre, Setter-Mix aus Nordgriechenland (wie die folgenden beiden auch), Jagd- und Wachverhalten, aber im Haus und mit Menschen absolute Schmusemaus, kastriert
  • Marbo – 7-8 Jahre, Kokoni, der mit schweren Beckenbrüchen auf der Straße gefunden wurde und, als er reisefähig war, zu uns nach Deutschland als Pflegehund kam, um therapiert zu werden (bin als Hundephysio ausgebildet) und sich ganz toll gemacht hat, kastriert und unser “Prinzchen” – seeeeehr kuschelbedürftig und absolut lieb
  • Noly -6,5 Jahre, Kritikos Lagonikos-Mix (?), kastriert, wurde als Welpe mit gebrochenem linken Oberarm und ausgekugelter linker Hüfte auf der Straße gefunden und kam auch als Pflegi hierher, um therapiert zu werden. Sie benötigte zwei OPs und eine Menge Physiotraining, aber vor allem gaaaaanz viel Anti-Angst-Traning. Hat trotzdem vor allen anderen Menschen – außer uns direkten Familienmitgliedern – Angst und fand deshalb kein Zuhause, weshalb auch sie bei uns blieb. Hier ist ihr eigener Blog, in dem ein Teil unserer anfänglichen gemeinsamen Wegstrecke aufgezeichnet ist: blogspot.de

Wie war der Verlauf von deiner  Anfrage beim Tierschutzverein bis zur Zusage, dass du den Hund bekommst? Welche Voraussetzungen musstest du mitbringen, damit dir der Tierschutzverein den Hund übergibt?

Jasper stammt von einem anderen Verein als alle meine nachfolgenden Hunde und seine Adoption verlief auch grundlegend anders: Annonciert in Kleinanzeige, ich nehme Kontakt auf und fahre am selben Tag mit der ganzen Familie zur Pflegestelle. Kurzes Vorstellen, ein Probe-Gassi-Gang mit dem Welpen und wir können Jasper gegen Zahlung der Schutzgebühr und Unterzeichnung des Schutzvertrages sofort mitnehmen.

Damals fand ich das genau richtig, zwei Jahre später habe ich erlebt, wie andere Vereine arbeiten und finde das im Sinne des Tieres wesentlich sinnvoller: Ausfüllen eines Interessentenfragebogens, wo viele Dinge abgefragt werden und sich z.T. auch “zwischen den Zeilen” viel herauslesen lässt. Dies ist nicht nur im Sinne einer Kontrolle der zukünftigen Adoptanten, sondern u.U. auch für die ein oder andere Hilfestellung wichtig. Z.B. ist es unrealistisch, dass ein Hund, der direkt aus dem Zwinger der Auffangstation kommt, stubenrein, leinenführig und Stadtverkehr gewohnt ist. Wenn das extrem wichtig für die Interessenten ist, dann sollten sie beraten werden, lieber einen Hund von einer Pflegestelle zu nehmen, der schon ein bisschen lernen konnte. Wenn sie sich auf gemeinsames Lernen einlassen, dann können sie darin bestärkt werden, die Sache mit viel Ruhe und Geduld anzugehen. Anschließend folgt (mindestens) ein Telefonat mit einer Ansprechpartnerin unseres Vereins (auch mit Aufklärung über die Mittelmeerkrankheiten und der Möglichkeit, alle Fragen loszuwerden, die man als Interessent so hat), eine Vorkontrolle im neuen Zuhause und dann kann, wenn alles passt, der Hund gegen Zahlung der Schutzgebühr und Unterzeichnung des Schutzvertrags einziehen.

Klingt aufwändig und umständlich, ist aber absolut im Sinne von Tier und Mensch. Und trotzdem bekommen auch wir manchmal Hunde aus der Vermittlung wieder zurück, sei es wegen Trennung, Krankheit oder selten auch Überforderung. Diese werden dann in vereinseigenen Pflegestellen oder notfalls auch (sollte keine frei sein) Pensionen bis zur erneuten Vermittlung untergebracht. Außerdem stehen die Ansprechpartner des Vereins (hunde)lebenslang für Fragen und Rat und Tat zur Verfügung.

Unsere Hundeinteressenten werden meist über unsere Website auf uns/ihren Wunschhund aufmerksam, hin und wieder auch direkt über unsere Pflegestellen (z.B Gassibekanntschaften)

Wichtig sind dem Verein „Tierhilfe Chalkidiki/Griechenland e.V.“  bei Vermittlung eines Hundes, dass keine allzu langen Abwesenheiten des Menschen vorliegen (an Vollzeit-Berufstätige werden in der Regel keine Hunde vermittelt, es sei denn, sie können glaubhaft darlegen, wer ihren Hund in der Zeit betreut). Wichtig wäre bei Teilzeit- Berufstätigen trotzdem, dass sie sich mindestens eine Woche Urlaub bei Ankunft des Hundes nehmen können für eine Eingewöhnung, in der dann  total fremden Umgebung.

Erzähle doch ein bisschen über die Ankunft deines Hundes

Ich habe es stets als eine Woche Turbulenz erlebt, wenn hier mal wieder ein neuer Pflegehund ankam (ich habe ca. 20 Pflegehunde in 5 Jahren betreut). Die Hunde mussten sich zusammenraufen, der “Neue” musste Vertrauen aufbauen und die Abläufe hier kennenlernen. Pipipfützchen, umgeschmissene Mülleimer, Leinengewöhnung, Treppengewöhnung, erste Spaziergänge, Tierarztbesuche – Das ganze Haus stand Kopf.

Dem kann man nur mit Humor und Verständnis begegnen. Und mit viel Freude und Spaß und immer wieder auch Erstaunen, wie wunderbar es ist, wenn sich ein ehemaliger Straßenhund dann zu einem Familienmitglied entwickelt, Vertrauen aufbaut, Freude und Zuneigung zeigt usw. Ein Leuchten in den Hundeaugen ist soooooo wunderbar.

Entsprachen die Angaben des Tierschutzvereines über den Hund den Tatsachen?

Über die Hunde auf Pflegestellen in Deutschland können wir naturgemäß realistischer berichten als über die Hunde, die noch in Griechenland sind. Abenteuerlich, das muss ich sagen, sind manchmal die Rassenangaben, die mehr einem Rätselraten entsprechen als echtem Wissen. Die meisten sind ohnehin Mischlinge als ehemalige Straßenhunde.

Hast du Vorschläge oder Hinweise an die Menschen, die gerne einen Hund aus dem Auslandtierschutz aufnehmen möchten?

Habt Geduld und Verständnis. Häufig weiß man nicht, was die Hunde in ihrem früheren Leben so erlebt haben. Manchmal kann das im neuen Zuhause dann ganz problemlos laufen, manchmal aber auch ganz viel Arbeit bedeuten. Gebt nicht zu früh auf, es lohnt sich sooo sehr, wenn Fortschritte zu erkennen sind. Pipipfützen im Wohnbereich, Angst vor Treppenstufen und Zerren an der Leine erklären sich aus dem früheren Leben der Hunde (Auffangstationszwinger, Straße) und sind kein Grund für einen Nervenzusammenbruch, sondern für intensives, liebevolles Üben (was auch gleichzeitig die Bindung stärkt, ist doch toll, oder?)

Wichtig finde ich, die Hunde in der ersten Zeit ganz besonders gut zu sichern und zu kontrollieren. Manche meiner griechischen Pflegis waren regelrechte Ausbrecherkönige, daher war sogar im Garten zunächst immer nur (lange) Leine dran, bis ich abschätzen konnte, wie sie sich verhalten würden und sie eine Bindung aufgebaut hatten.
Auch auf Spaziergängen kann es in der ersten Zeit zu unerwarteten Reaktionen kommen, daher immer aufpassen und u.U. doppelt sichern an Hundesicherheitsgeschirr und Halsband, eine Leine davon fest am eigenen Körper befestigt (am besten die vom Geschirr) – sei es z.B. ein knatterndes Motorrad, ein Schuss in der Ferne oder auch jemand, der ein Stöckchen oder einen Ball wirft (manche meiner Pflegis hatten davor panische Angst, man kann erahnen, was sie erlebt haben…).

In der ersten Zeit den Hund erstmal ankommen lassen. Es sind nach einer stressigen Reise eh so viele neue Eindrücke, die auf ihn einprasseln, die erste Woche “low action”, mehr Sorgfalt auf gegenseitiges Kennenlernen legen als auf Gegend erkunden usw. Und immer genügend Ruhepausen zum Verarbeiten bieten.

Wer kein komplettes “Überraschungspaket” übernehmen möchte (z.B. Hundeanfänger), der sollte sich vielleicht nach Hunden umsehen, die sich schon auf Pflegestellen befinden. Diese haben schon ein Leben im Haus mit der Familie kennengelernt und die Pflegestelle kann schon einiges über ihren Schützling berichten.

Kostenlose Registrierung bei TASSO, Haustierzentralregister ist sinnvoll.

Bzgl. Vermittlung – wendet euch an einen seriösen Verein! – Seriöse Vereine nennen einen direkten Ansprechpartner und sind auch nach der Adoption (fast) jederzeit für Fragen offen. Seriöse Vereine wollen alles Mögliche von euch wissen (Interessentenfragebogen), das soll nicht unnötig in die Privatsphäre eingreifen, sondern dafür sorgen, dass Hund und Mensch auch wirklich zueinander passen und keine falschen Erwartungen das Zusammenleben trüben. Es wird eine Vorkontrolle stattfinden bei euch, bei der ihr selbst auch gerne noch offene Fragen klären könnt oder auch nach Tipps fragen könnt (meist sind die Vorkontrolleure sehr erfahren). Kofferraumverkäufe, wo niemand was von euch wissen will und euch gegen flotte Barzahlung einfach ein Hund mitgegeben wird, ist niemals seriös und endet leider in vielen Fällen in den ersten paar

Tagen beim Tierarzt, wo der billige Erwerb des neuen Hausgenossen ungeahnt teuer werden kann .

Bzgl. Erkrankungen – auch wenn mittlerweile viele der parasitären Erkrankungen, die im Ausland verbreitet sind, mit ihren Überträgern in Deutschland eingewandert sind, empfiehlt es sich, das Herkunftsland eures Hundes im Hinterkopf zu behalten, um ggf. euren Tierarzt bei Erkrankung darauf hinweisen zu können.

Ich selbst würde mir immer wieder einen Hund aus dem Ausland holen, sehr gerne übrigens auch einen älteren Hund – zwei Seniörchen haben hier ihr Gnadenbrot bekommen und obwohl es natürlich schade war, dass unsere gemeinsame Zeit hier sehr begrenzt war, so war diese doch sehr intensiv auf eine ganz eigene Art und Weise. Und dass sie behütet und geliebt diese Erde verlassen haben, wiegt vielleicht ein bisschen ihre sicherlich schwereren Jahre vorher auf.

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