Emmas Seelenknick

Ich habe schon lange keinen Blogbeitrag mehr geschrieben, denn in den letzten Monaten ist so viel passiert, dass mir nicht nach Schreiben war. Heute möchte ich euch berichten, wie und warum aus der fröhlichen Emma ein ängstliches Wesen wurde.

Zweithund – das war keine gute Idee

Wie ich erzählte, hatten wir am 1. Januar eine junge Hündin von der Straße aufgenommen. Wir wollten keinen zweiten Hund, einfach weil wir keine zwei Hunde haben wollten – und jetzt ebenso nicht mehr wollen. Zudem reagierte Emma bisher auf jeden Hund, der länger bei uns blieb, mit absolutem Rückzug, sodass von Emma nicht mehr viel übrig blieb. Mit Lili schien es anfangs anders zu sein…

Lili war ungefähr drei Monate bei uns. Im dritten Monat zeigte sich ganz extrem, dass sie Emma ständig kontrollierte und sehr stark eingrenzte. Das ging den ganzen Tag so. Laut Lili durfte Emma genau … nix, noch nicht mal am Wassernapf trinken. Sobald Emma sich bewegte, stürmte sie los und blockierte sie, biss ihr in die Beine oder in den Nacken – oder sprang ihr mit Krawumm auf den Rücken.

Emma wehrt sich nicht. Sie knurrt vielleicht mal und vielleicht schnappt sie auch mal ab – bei fremden Hunden, die nicht bei uns wohnen. Muss sie mit einem Hund zurechtkommen (Gasthund oder nun Lili), versucht sie irgendwie den Frieden zu bewahren. Sie zieht sich zurück, lässt dem anderen Hund fast den kompletten (Lebens-)Raum. Wird sie gemobbt – wie im Fall von Lili – zieht sie sich ebenfalls zurück oder versucht es mit einer Spielaufforderung (was es nur schlimmer machte).

Bei den Spaziergängen war es nicht anders. Waren beide Hündinnen frei, stürmte Lili los und sprang Emma auf den Rücken. Also gab es keine Spaziergänge mehr, bei denen beide Hunde freiliefen – und irgendwann gab es gar keine gemeinsamen Spaziergänge  mehr.

Wir leben im umgebauten LKW. Emma lag nur noch auf meinem erhöht gebauten Bett.

Es war schlichtweg zum Kotzen und mega belastend – für alle Beteiligten.

Ich fragte mich, warum das anfangs so gut aussah. Aber, als wir Lili aufnahmen, waren gerade die 8 Wochen Schonzeit von Emma vorbei (Beinbruch, OP usw.). Emma war trotzdem noch nicht wirklich mobil und lief auch noch den Großteil der Spaziergänge an der Leine. Ich musste sie auch noch aus dem rollenden Zuhause raus- oder reinheben.

Je mobiler Emma wurde, desto mobbender wurde Lili.

Es war irgendwann klar, dass es so nicht weitergeht und wir entschieden uns dafür, Lili ein neues Zuhause zu suchen. Das fand sich schneller als gedacht und Lili zog Mitte April nach Frankreich um.

Die Nachwirkungen vom Leben mit Zweithund – Angst vor Junghunden

Stürmische Hunde waren noch nie Emmas Fall. Sie hatte aber im Laufe der Jahre gelernt ihnen zu  zeigen, dass sie Abstand halten sollen.

Nun sieht das anders aus. Sie bekommt regelrecht Panik, sobald ein Hund schnell angelaufen kommt. Sie schreit dann und versucht weg zu kommen.

Welpen und Junghunde fand sie sonst toll. Für Welpen machte sie sich kleiner, indem sie sich zum Beispiel hinlegte. Sie spielte auch immer ganz klasse mit Welpen und jungen Hunden.

Jetzt hat sie nur eins im Sinn: Weg, abhauen, schnell weg vom Junghund. Läuft der Junghund hinter ihr her, bekommt sie Panik.

Emma wurde gebissen

Es war irgendwann Anfang April. Wir standen an einem Strand und machten nun nur noch getrennte Spaziergänge – mein Mann mit Lili und ich mit Emma.

An diesem Morgen war Emma endlich mal wieder ganz fröhlich und entspannt. Ich freute mich wie Bolle darüber und genoss diese Morgenrunde sehr.

An diesem Küstenabschnitt gibt es einen Weg am Meer entlang.

Ein Stück vor mir ging ein Mann mit einem größeren Hund spazieren. Auf dem Rückweg sah ich, wie zwei größere schwarze Hunde auf den Hund vom Mann zustürmten. Der Mann nahm einen Stock auf und schlug auf die Hunde ein.

Irgendwann sah ich eine Frau, die versuchte, die zwei Hunde einzufangen. Nachdem sie das geschafft hatte, ging der Mann mit seinem Hund weiter, aber einen Weg zu seiner Siedlung und einem Parkplatz hoch.

Ok, ich wusste, dass diese Frau ihre Hunde überhaupt nicht im Griff hatte. Also leinte ich Emma an, so als Zeichen: Mein Hund ist angeleint, also lasse deine Hunde ebenfalls an der Leine. Ist ja eigentlich eine unausgesprochene Regel, die aber manche Hundehalter einfach nicht beherzigen.

Das Anleinen war in dem Fall und in dieser Situation ein Fehler, denn Emma konnte nicht weglaufen. Ich würde also heute nicht mehr anleinen – natürlich nur, wenn keine Straßen in der Nähe sind!!!

Die Frau hatte richtig zu kämpfen, denn sie war körperlich gar nicht in der Lage, ihre Hunde zu halten (an dieser Stelle die Frage: Warum sucht man sich einen großen, kräftigen Hund aus, wenn man gar nicht in der Lage ist, diesen zu halten???).

Die Hunde sahen aus wie Labrador-Mischlinge. Schwarzes Fell, auch so kurz wie beim Labrador. Die Köpfe allerdings wesentlich wuchtiger, wie auch der gesamte Körperbau. Das erinnerte mich an Rottweiler. Der eine, größere Hund trug ein K9-Geschirr – bei uns in Spanien eine absolute Seltenheit und in der Regel nur bei Hunden von Deutschen oder Engländern (ich werde den Hund wiedererkennen und ebenso die Frau). Für die Leser in meiner Region: Das war in San Juan de los Terreros.

Ich wollte mit Emma ausweichen. Die Frau blieb stehen, weil sie gar nicht mehr in der Lage war, sich auf ihren Füßen und aufrecht zu halten.

Was macht diese Frau? Leint den größeren Hund einfach ab! Ich dachte, ich sehe nicht richtig.

 

Zwischen uns war nicht viel Abstand. Der Hund kam schnurstracks auf uns zu, ohne Geräusche und packte Emma sofort an der Körperseite und biss zu.

Emma war gefangen. Sie stand an meinen Beinen und der Hund biss und drückte sie gegen meine Beine.

Die Frau konnte nicht helfen, weil sie noch diesen anderen Hund an der Leine hatte, der nicht viel besser drauf war.

 

Es ging alles rasend schnell. Irgendwie griff ich dazwischen, was natürlich eine kleine Bisswunde an meinem Arm zur Folge hatte. Der Hund ließ kurz los, um sofort Emmas Hinterbein zu packen. Er riss wie irre an diesem Bein. Ich reagierte nur noch und trat dem Hund mit voller Wucht in die Rippen. Hund ließ Emma los, schrie auf und die Frau stürzte sich förmlich auf ihren Hund, sodass sie ihn anleinen konnte.

Die Nachwirkungen der Hundeattacke – Angst vor Hunden

Es floss kein Blut und zunächst schien es so, als wäre die Sache nochmal glimpflich ausgegangen. Emma rannte den Weg entlang und stand total unter Schock. Sie wollte nach Hause. Ich war zuerst froh, dass sie lief und hatte den naiven Gedanken, dass die Bisse wohl doch nicht schlimm waren.

Das war aber nur der Schockzustand. An der Körperseite bildete sich eine große Beule, die sichtbar Schmerzen bereiteten. Am Hinterbein hatte sie eine massive Zerrung und konnte am ersten Tag nur dreibeinig und anschließend nur schlecht laufen/ gehen.

Die körperlichen Nachwirkungen heilten langsam aus. Mit den seelischen Narben hat sie heute noch zu kämpfen.

Emma hat Panik vor großen Hunden und rennt weg – oder will erst gar nicht spazieren gehen. Diese Angst hat sich auf sämtliche Hunde ausgeweitet, also jeglicher Größe. Wir sind jetzt im Sommer wieder mit Wohnmobil unterwegs. Stehen wir auf einem Platz, wo ein großer Hund auftaucht, will Emma meistens gar nicht aus dem Wagen steigen.

Was ihr hilft ist das Geschirr, das sie sonst wie die Pest hasste. Das scheint eine ähnliche Wirkung wie ein Thunder-Shirt zu haben. Läuft sie frei und es sind Hunde (oder Menschen – könnte ja ein Hund dabei sein) in Sicht, zeigt sie mir an, dass sie angeleint werden möchte. Das gibt ihr wohl Schutz/ Halt. Allerdings nur, wenn ich die Flexileine dabei habe. Damit hat sie mehr Spielraum als mit der kurzen Führleine. Habe ich die Führleine mit, will sie das eine Ende ins Maul nehmen – Schnullerwirkung.

Wie war Emma vorher? Sie hat sich über Hunde gefreut, ging freundlich auf sie zu und wenn mal ein unnetter Hund kam, ging sie ihm entspannt aus dem Weg. Große Hunde mochte sie nie, aber sie reagierte nicht panisch und ließ sich schon gar nicht von ihnen von ihren geliebten Spaziergängen abhalten.

Alles ist anders und nix mehr entspannt

Das letzte halbe Jahr war also mehr als belastend. Angefangen mit Emmas Beinbruch. Der ist wieder gut verheilt, sie kann wieder gut laufen, aber wir haben immer noch mit der Haut in einem Bereich der Narbe  zu tun. Dort ist die Haut sehr dünn und da sich immer mal wieder Ödeme bildeten, die sich an dieser Stelle öffneten, ist die Haut sehr empfindlich geworden. Zudem flitzt sie nicht mehr ihre Spinnerrunden. Sie läuft gerne schnell, aber lange nicht mehr so, wie vor dem Bruch.

 

Ich bereue es nicht, Lili das Leben gerettet zu haben. Ohne uns wäre sie jetzt tot. Trotzdem werden wir keinen weiteren Hund mehr aufnehmen. Wie im Bericht über den Zweithund schon beschrieben steht man bei uns in Spanien alleine auf weiter Flur, wenn man einem Hund das Leben rettet.

Futter und Wasser aufstellen – ok, keine Frage. Das werden wir weiterhin tun, wenn wir das mit riesigem Abstand zu unserem Zuhause tun können.

Ich habe die ersten Anzeichen nicht erkannt, bzw. das in die Schublade „Junghund“ abgelegt. Die Mobberei und das Kontrollieren gingen schon früher los. Somit hätte ich früher handeln müssen und Lili schon eher ein neues Zuhause suchen müssen. Allerdings hätte ich dann nur in Spanien suchen können, denn sie brauchte ja erstmal alle Impfungen. In Spanien hatte ich bereits die Menschen gefragt, die einem Hund ein tolles Zuhause bieten können. Auch wenn natürlich nicht alle Spanier mies mit Hunden umgehen, möchte ich nicht an Spanier vermitteln. Von daher war es für Lili gut, denn jetzt hat sie ein tolles Frauchen an ihrer Seite.

 

Die Attacke des schwarzen Hundes konnte ich nicht verhindern und ich fühle mich heute noch hilflos, wenn wieder so ein rücksichtsloser Hundehalter anwesend ist, der nur an sich und seinen Hund denkt. Sollte uns so etwas nochmal passieren, kommt der Hundehalter nicht mehr ungeschoren davon. Mittlerweile wäre es mir auch egal, was dann mit dem anderen Hund passiert. Denn: Jetzt ist aus der fröhlichen, lebenslustigen Emma eine ängstliche und oft auch panische Hündin geworden.

 

Die Spaziergänge sind  – sobald uns andere Hunde begegnen – nicht mehr entspannt und fröhlich.

Wir arbeiten daran, dass Emma wieder ein großes Stück Selbstvertrauen zurückbekommt, aber der Weg dahin ist belastend und schwierig.

 

Und es ist auch für mich nicht einfach, denn ich traue Hundehaltern mit zur Aggression neigenden Hunden kein Stück mehr über den Weg. Ich wünsche diesen Hundehaltern, dass sie das zurückbekommen und am eigenen Leibe und der eigenen Seele spüren, was sie anderen Hundehaltern und vor allem anderen Hunden antun.

 

Ihr merkt, dass ich wütend bin. Ich bin aber ebenso traurig und manchmal auch verzweifelt. Emma war schon immer ein eher vorsichtiger Hund. Aber sie war die Lebensfreude in Hundeperson. Wir tun alles, damit sie das wieder wird und hoffen sehr, dass wir das gemeinsam schaffen.

Manchmal klappt es schon besser – je nachdem, ob und welcher Hund uns begegnet. Und manchmal klappt es gar nicht. Dann will sie noch nicht einmal spazieren gehen oder aus dem Wagen kommen.

2 Kommentare

  • Ach Liebes,
    wie schrecklich diese traumatische Erfahrung!
    Natürlich für Emma, aber auch für Dich.
    Wir haben das ja auch erlebt vor über einem Jahr und es sitzt mir heute noch in den Knochen.
    Auch Watson ist seither anders gegenüber anderen Hunden und er erstarrt noch immer bei schäferhundartigen.

    Ich wünsche Euch einen Weg das Erlebte zu verarbeiten, Du hast getan was Du konntest, diese Leute die lapidar mit ihrem potentiell aggressiven Hund agieren gibt es gefühlt immer häufiger und ich wünsche Dir, dass das nicht bei Dir in der Ecke auch mehr wird, sondern das eine Ausnahme war und ihr wieder zu einem „freien Gassi“ ohne Ängste zurückfindet.
    Stark auch, dass Du Lilli einen anderen Platz gesucht hast. Das hätte nicht jeder getan und ich bin da völlig bei dir.
    Fühl Dich gedrückt.
    LG Danni

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