Hundebegegnungen aus anderer Sicht

Sind Sie auch schon mal einem Hundeführer begegnet, der die Straßenseite wechselte, als er Ihren Hund sah? Bei Annäherung fing der andere Hund plötzlich furchtbar an zu bellen und ging ständig in die Leine, so dass der Hundeführer Probleme hatte seinen Hund überhaupt fest zu halten?
War nun Ihr erster Gedanke: „Der könnte auch mal etwas besser erzogen werden, der macht ja mit seinem Zweibeiner was er will“. Ein vorschneller Gedanke und teilweise auch sehr ungerecht dem Hundeführer gegenüber. Es folgt ein Beispiel aus der Praxis, das hoffentlich mal zum Nachdenken anregt.

Eine Familie hört über Umwege von einem süßen Hund, Rüde, fast 1 Jahr alt, der in einer Hundemeute lebt. Seit geraumer Zeit wird dieser Junghund nur noch von den anderen Rüden verbissen. Konkurrenzkampf pur. Sie schauen sich den Hund an. Es ist ein mittelgroßer Hund, 12kg schwer und hat eine Schulterhöhe von 35cm. Er sitzt völlig verstört in der Ecke, zahlreiche Bisswunden sind zu erkennen. Spontan entscheiden sie: Dem Hund bieten wir ein schönes Zuhause. Die Familie ist Hunde erfahren, ihr letzter Hund vor knapp einem Jahr verstorben. Sie gewöhnen den Hund an das Familienleben, führen ihn behutsam an alle neuen Situationen heran. Grunderziehung klappt, der Hund will und kann sehr gut lernen.
Selbst der Freilauf ist nach einiger Zeit problemlos möglich. Nur eines, das klappt nicht:
Er reagiert negativ auf alle Hunde, die in seinen Sichtbereich kommen. Seine Angst vor den Bissen ist einfach zu groß! Mit viel Geduld und einigen netten (eingeweihten) Hundeführern werden mühevoll Hundebegegnungen geübt. Sie entschieden sich für die Methode „Zeigen und Benennen“. Der Hund wird auf den anderen Hund hingewiesen, setzt sich dann hin und bekommt seine Belohnung. Dadurch, dass der Hund nun in der Unterordnung ist, bekommt der Hundeführer die Aufmerksamkeit und andere Hunde sind nicht mehr so interessant. So weit, so gut.

Die Familie lebt in der Stadt. Einige Grünflächen sind in unmittelbarer Nähe und dort herrscht Leinenzwang. Trotzdem werden Hunde dort frei gelassen, meist allerdings die großen Rassen.
Nun kommt der angeleinte Hund in Richtung der Grünfläche, ein ausgewachsener Schäferhund stürzt in seine Richtung, beugt sich knurrend über ihm. Der angeleinte Hund kläfft wie ein Irrer, dreht sich an der Leine um sein Frauchen, die Hundeführerin fühlt sich wie im Kinderkarussell.
Was tun? Leine loslassen? 12kg kläffender Hund gegen einen ausgewachsenen Schäferhund? Von weitem tönt eine Stimme… „Der macht nichts , der spielt sich nur auf, außerdem regeln die das von alleine“… Ja toll ! Ein Ruf zurück.. „aber meiner kommt nicht mit anderen Hunden klar“. Wüste Beschimpfungen von „Erziehen Sie mal ihren Hund“ über „ wenn Sie mit dem Hund nicht klar kommen, dann geben Sie ihn besser ab“ sind die Folge. Einfach mal den Schäferhund zurück rufen und ein kurzes Entschuldigung hätte diese Situation friedlich aufgelöst. Aber nein, Schuld hat der „angeleinte“ Hund. Also den kläffenden Hund hinter sich her ziehend weg von der Grünfläche. In der nächsten Seitenstrasse kommt ihr ein angeleinter Hund entgegen. Die Hundeführerin schafft es trotz der gerade erlebten Situation ihren Hund ins Sitz zu bekommen. Mit einem Lecker vor der Schnauze bleibt er auch ruhig. Was passiert? „Ach, sieht der aber niedlich aus, wie schön der da sitzt und schaut. Bruno, sag dem Hund doch mal guten Tag“. Ein verzweifeltes „ bitte halten sie ihren Hund kurz, meiner…“ weiter kam sie nicht. Die Flexileine wurde lang gelassen, Bruno kam näher und…. der Hund bäumte sich wieder auf, kläffte sich die Seele aus dem Leib. Alles bisher mühevoll Erlernte war auf einen Spaziergang wieder vernichtet. Auch hier kam sofort wieder. „Der muß mal erzogen werden, setzen sie sich mal durch“. Solche Szenen wiederholten sich bei fast jedem Spaziergang.
Nach einem Jahr ständiger Beschimpfungen hatte die Familie keine Kraft mehr weiter zu üben. Der Spaß am Spazierengehen mit Hund war vorbei, die ganze Familie nervlich am Ende. Der Leidtragende war der Hund. Er sitzt nun im Tierheim. Nein, die Familie hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Es ging nicht mehr!

Mit ein wenig Rücksichtnahme wäre das alles nicht nötig gewesen. Wenn ich meinen Hund freilasse und es kommt ein Hund an der Leine in meine Nähe, rufe ich meinen Hund zu mir.
Es gibt Gründe, warum Hunde an der Leine sind. Kenne ich die Gründe nicht, darf ich meinen Hund nicht einfach dran l

assen und erst recht kein Urteil bilden.
Ist ein anderer Hund in der Unterordnung, dann lasse ich meinen Hund nicht in seine Nähe. Übt man nur mit ihm oder wird abgelenkt? Das weiß ich als Außenstehender nicht. Ich kann mich langsam und mit Abstand nähern und frage nach. Vielleicht kann man ja durch vorsichtiges Nähern nach Absprache sogar helfen. Ansonsten… einfach weiter gehen ohne stehen zu bleiben.

Gastartikel von Hundetrainer Thomas Ifland

5 Kommentare

  • war vor ein paar Wochen bei der Show von Martin Rütter, der hatte diese Problematik auch besprochen, sehr ähnlich sogar. Ein sehr guter Bericht, der hoffentlich von vielen unbelehrbaren Hundehaltern gelesen wird.
    Unser Hund ist viel im Garten, vor allem in der wärmeren Jahreszeit. Spaziergänger und auch andere Hunde können am Grundstück vorbei laufen ohne dass er bellt. Er läuft nur an den Zaun und schaut.
    Leider gibt es Menschen, die ihren Vierbeiner an der langen Leine am Zaun hochklettern und rein bellen lassen und haben auch noch Freude daran..er will nur hallo sagen. Nun gibt es schon Situationen bei denen unserer zurück bellt. Das ist schade.

  • Mara

    Wirklich guter Beitrag, sollten wirklich mehr Leute lesen.
    Ich habe meinen erwachsenen Hund nun 4 Wochen, auch schon einige solcher Situationen erlebt und Unverständnis geerntet. Böse könnte ich behaupten, dass meiner erzogener ist, als viele dieser die uns begegnen. Meiner folgt, lässt sich abrufen, wieviele der “der tut nix”/”er will doch nur grüssen” Hunde tun das auch?

  • Mila

    Sehr guter Beitrag! Leider erkenne ich mich zu 100% darin wieder…. habe eine leinenagressive ehemalige Straßenhündin, die schon einiges mitgemacht hat. Bei ihr konnte bisher leider auch keine Methode fruchten, da sie ständig durch andere Hundebesitzer und ihre unangeleinten “Tut-Nix”e boykottiert werden. Hundeschule, Einzeltraining, etc. alles schon durch! Das Schlimme ist: wenn ich freundlich um Abstand bitte, bekomme ich unverschämte Sprüche an den Kopf geworfen, wie z.B. “dann erschießen sie doch die Töle”, etc. Es ist zum Verzweifeln! Jeder Spaziergang ist ein Spießrutenlauf. Und trotzdem: ich liebe meinen Hund über alles und würde es ihm NIEMALS antun, ihn ins Tierheim abzuschieben. Ich arrangiere mich eben so gut es geht und gehe zu Uhrzeiten raus, wo ich weiß, daß vermutlich kein anderer Hund auf der Wiese ist. Ansonsten sind wir viel im Wald unterwegs, wo ich die Wahrscheinlichkeit von Hundebegegnungen minimieren kann. Heute morgen wurde ich in der Stadt von einem anderen Hundebesitzer belehrt und beleidigt… er hatte ein überzüchtetes Modehündchen an der Leine, das noch nie was schlechtes erlebt hat. Ich dagegen habe einem armen, halbtoten Strassenhund mit einer schweren Vergangenheit eine Chance zum Überleben geboten und mache nun das Beste draus. Daher finde ich es so unverschämt, ausgerechnet von solchen Menschen belehrt und beschimpft zu werden.

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