Tierschutz: Interview mit Steffi Böhner
Tierschutz Italien

Eine Co-Autorin von Mein-tierischer-Freund hat Steffi Böhner interviewt. Sehr berührend, offen und ehrlich berichtet Frau Böhner über die Arbeit als Hundevermittlerin im Tierschutz. Ihr bekommt einen guten Eindruck darüber, was Tierschutz wirklich ist und mit welchen Hürden die Mitwirkenden zu kämpfen haben. Im ersten Abschnitt erzählt meine Co-Autorin, wie Sie Frau Böhner kennenlernte und was Sie an dieser Tierschützerin begeisterte.

„Sind die auch aus dem Tierschutz?“

Manchmal, wenn ich mit meinen drei Hunden unterwegs bin, werde ich gefragt, ob sie „auch aus dem Tierschutz sind“. Oftmals kommt die Frage von anderen Hundebesitzern, die ebenfalls einen Hund aus dem Ausland bei sich führen. Seit über 20 Jahren lebe ich nun schon mit Hunden zusammen. Ich kann mir heute ein Leben ohne diese wunderbaren Wesen gar nicht mehr vorstellen. In diesen Jahren habe ich unterschiedliche Erfahrungen sammeln dürfen, wie man „auf den Hund kommen“ kann.

Meinen ersten Hund bezog ich von einem Züchter. Es war ein Rüde und mit 12 Wochen konnte ich ihn abholen. Dabei bezahlte ich einen nicht geringen Preis und bekam ein paar Ahnenpapiere in die Hand gedrückt. Da es mein erster Hund war, machte ich in der Erziehung einige Fehler. Diese Fehler würden mir heute so nicht mehr passieren. Dennoch würde ich behaupten, mein erster Hund war eben einfach „ein Hund“. Er war nicht besser, weil er von einem Züchter stammte.

„Hol‘ dir bloß keinen Tierheimhund…“

Nach seinem Tod wollten wir wieder mit einem bellenden Vierbeiner leben, doch diesmal fiel die Wahl auf ein Tierheim. Dort bekamen wir unsere zweite Hündin, die wohl aus dem spanischen Tierschutz stammte und schon einmal vermittelt war. Sie wurde jedoch wieder zurückgegeben. Tja, ich muss zugeben, sie erfüllte auch einige Kriterien bezüglich des Vorurteils, welches ich jahrelang gehört habe. „Hol‘ dir bloß keinen Tierheimhund. Die sind doch alle irgendwo gestört“. Und unsere Fine hatte tatsächlich ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt, jedoch noch mehr zu sich selbst. Es dauerte viele Jahre, ihr die schlimmsten Ängste zu nehmen. Wo sie herkam, weiß niemand so recht, doch dass sie sehr Schlimmes erlebt haben muss, war mehr als nur klar.

Für mich war Fine jedoch ein Geschenk, ein sehr großes sogar. Es war wundervoll für mich zu erleben, was sie für Fortschritte in Punkto Vertrauen und Bindungsfähigkeit machte. Seitdem stand für mich fest, dass ich zukünftig nur noch „Tierschutzhunde“ in Obhut nehmen würde.

Tierschutz: Die Suche nach einem seriösen Portal

Als wir uns einen zweiten Hund anschaffen wollten, machten wir uns auch im Internet schlau und stießen auf verschiedene Vereine. Sie geben Hunden aus Rumänien, Spanien, Italien oder Ungarn in Deutschland ein neues Zuhause. So stand ich vor der Frage, wie ich wohl ein seriöses Tierschutzportal finden würde und machte mich ans Stöbern.

Auf einer Seite wirkten die Hunde sehr angepriesen. Jeder schien ein Hauptgewinn zu sein. Auf einer anderen Seite stand bei fast jedem Hund derselbe Text. Ich sah woanders einen noch jungen Hund, der sich schnell in mein Herz geschlichen hatte. Somit nahm ich Kontakt mit der Seite auf. Ja, der Hund sei noch zu haben. Seit 2 Jahren sei er schon in der Vermittlung. Ich würde aktuelle Fotos zugesendet bekommen.

Interessanterweise war die Hündin darauf schon ausgewachsen und hatte mit dem süßen Welpenbildern gar keine Ähnlichkeit mehr. Ich fragte mich, warum die aktuellen Fotos nicht auf der Homepage veröffentlicht wurden. Und ich bekam den Eindruck, dass die Junghundbilder irgendwie wie ein Köder auf mich wirken sollten.

Hundehilfe Mariechen und erste Erkenntnisse über deren Art der Hundevermittlung

Zum Glück fand ich dann die „Hundehilfe Mariechen“ – ein Verein, der sich auf Hunde aus Italien spezialisiert hat. Ich weiß noch, dass bei jedem Hund seine Geschichte dargestellt wurde und diese ohne Schönheitskorrekturen oder sonstige Schnörkel. Und genau das wirkte äußerst seriös und ansprechend auf mich. 2015 bekamen wir dann über diesen Verein unseren zweiten Hund und dieses Jahr unseren dritten. Letzterer war einer von sechs Welpen. In diesem Zusammenhang lernte ich die Hundevermittlerin Steffi Böhner kennen. Sie hat meines Erachtens großartige Arbeit bei der Vermittlung unseres Hundes geleistet. Ich durfte erfahren, wie genau für jeden Hund auf ein für ihn zugeschnittenes zukünftiges Heim geachtet wurde.

Des Weiteren führt der Verein bei jedem Interessenten eine Vorkontrolle zuhause durch. Er bleibt auch im Sinne der Nachbetreuung in der ersten Zeit nach der Vermittlung mit einem in Kontakt. Bei Steffi durfte ich sogar noch mehr erfahren und ich konnte mich jederzeit an sie wenden. Durch die Situation „Dritthund im Welpenalter“ stießen wir nämlich nicht nur einmal an unsere Grenzen. Weiterhin hat sie uns auch kostenlos am Telefon beraten. Sie war immer zu 100% ansprechbar und hat stets mit uns konstruktiv nach Lösungen gesucht.

Daher freut es mich heute besonders, dass ich mit ihr ein halbstündiges Interview zum Thema „Tierschutz“ führen durfte. Das möchte ich euch heute vorstellen.

Interview mit Steffi Böhner zum Thema Tierschutz

Liebe Steffi, ich habe dich bei der Vermittlung unseres dritten Hundes durch den Verein „Hundehilfe Mariechen“ kennen gelernt. Wie lange bist du in dieser Rolle dort schon aktiv und warum hast du dich für dieses Ehrenamt entschieden?

„Zu Mariechen bin ich schon 2004 gekommen, denn da haben wir uns entschieden, einen zweiten Hund bei uns aufzunehmen. Wir haben im Internet recherchiert und sind auf die „Hundehilfe Mariechen“ gestoßen. Dort haben wir die Ylvi entdeckt, eine Hündin, die sich nur 20 km von uns auf einer Pflegestelle befunden hat. 2018 haben wir uns entschieden, einen dritten Hund aufzunehmen. Damals waren unsere beiden Hündinnen, Hermine und Ylvi, schon im höheren Alter. Und dann haben wir die Primel entdeckt. Sie war eine extrem schlimme Angsthündin und es waren jämmerliche Bilder, die ich dort gesehen habe.

Allerdings sollte Primel schon auf eine Pflegestelle mit Übernahmeoption ausreisen. Ich war damals noch angehende Hundetrainerin. Dadurch kam die Hundevermittlerin zu der Meinung, dass ich vielleicht besser mit so einer extremen Angsthündin umgehen könne. Und so ist die Primel bei uns eingezogen. Ich bin mit der damaligen Kollegin immer rege in Kontakt geblieben. Ich habe Videos von Primels Fortschritten geschickt usw.. Und so kam es, dass ich immer häufiger um Rat gefragt wurde und schon etwas aus der Ferne geholfen habe.

Mit der Zeit habe ich mitbekommen, was in Italien bezüglich Tierschutz so abgeht; beispielsweise mit den Jägern oder mit welchen Schwierigkeiten die Helferinnen vor Ort zu tun haben. Und dann bin ich immer tiefer in die Materie eingetaucht. Im Oktober 2019 hat mich die Kollegin angesprochen, ob ich nicht Lust habe, auch als Vermittlerin einzusteigen. So bin ich zu Mariechen gekommen“.

Was sind deine Aufgaben im Verein?

„Es ist so, dass ich jetzt nicht mehr nur Vermittlerin bin. Ich stelle zum Beispiel auch alle Hunde vor, die ausreisen. Ich mache bei Instagram in einem kleinen Team mit und habe letztes Jahr die große ˋMariechen Wanderung´ geplant. Schon das dritte Jahr in Folge mache ich mit zwei Kolleginnen den Adventskalender. Und ich fahre bei jedem Transport, der ankommt, nach Würzburg und helfe dann vor Ort beim Hunde ausladen, Geschirre anlegen etc. mit . Ich fahre auch nach Italien runter und begutachte Hunde, die bei uns in der Vermittlung sind. Wir machen Fotos und ich versuche, Einschätzungen abzugeben, wie zum Beispiel ˋDieser Hund passt nicht zu kleinen Kindern´. Und ich versuche mit den Hunden zu arbeiten. Ich bin somit mehr als ausschließlich eine Vermittlerin. Der Verein ist eher klein und es gibt nicht so viele Aktive. Aber ich habe das noch keinen Tag bereut“.

Bestimmt gibt es in deiner Arbeit auch Aspekte, die dich traurig machen. Kannst du mir da zwei, drei Beispiele erzählen?

„Ja. Zum Beispiel wenn du versucht hast, für einen Hund alles möglich zu machen. Du hast für ihn ein schönes Zuhause gefunden und dann wird er vielleicht von einer Biene gestochen. Er hat einen anaphylaktischen Schock und schlägt sich seinen Kopf mehrmals gegen eine Betonmauer. Er hat dadurch einen mehrfachen Schädelbruch und kann nur noch erlöst werden. Da denkst du dann: „Mensch, jetzt habe ich so eine tolle Familie für einen Hund gefunden. Ihm ging es ein Leben lang schlecht. Jetzt hätte er die Sonnenseite des Lebens kennenlernen können und dann passiert sowas“.

Das sind Momente, die mich hinunter ziehen. Oder dass ich einen Welpen in der Vermittlung habe, der in zwei Tagen ausreisen soll. Doch dann bricht ein anderer Hund aus seinem Gehege aus. Es kommt zu einer Rauferei und der Welpe erliegt seinen Verletzungen. Da versuchst du alles möglich zu machen und dennoch gibt es diese Momente, bei denen du machtlos bist.

Oder der Jäger sagt zu unserer Kollegin Chiara in Italien: „Der Hund taugt mir nicht. Aber du kannst ihn innerhalb der nächsten Stunde abholen. Wenn du nicht da bist, erschieße ich ihn“. Aber die Kollegin kann eben auch nicht immer alles stehen und liegen lassen. Sie macht sich immer auf den Weg. Manchmal vergehen bis dahin jedoch drei Stunden. Oft ist es dann so, dass der Hund nicht mehr lebt“.

Sicherlich gibt es auch Erfolgsgeschichten, also geglückte Vermittlungen. Magst du davon auch ein wenig berichten? Oder bekommst du das dann oftmals schon gar nicht mehr mit?

„Ja, es gibt auch jede Menge Erfolgsgeschichten, denn es ist ja immer ein Erfolg, wenn der Hund raus kommt. Aber es gibt schon ein paar Besonderheiten. Zum Beispiel wenn der Hund sehr krank ist. Dann hat man das Gefühl, nie jemanden für ihn zu bekommen, weil er vielleicht Leishmaniose, Herzprobleme oder eine Hüftgelenksdysplasie hat. Und dann ist es für mich schon etwas Besonderes, wenn sich Leute für Problemhunde oder für kranke Hunde entscheiden.

Es gab beispielsweise mal einen Hund, der war mehrere Jahre in einer Familie. Als die Frau schwanger wurde, sollte er abgeschoben werden. Der Hund hat die Welt nicht mehr verstanden. Er war tatsächlich drei Jahre im Tierheim, bis er in meine Vermittlung kam (ich war damals schon die vierte Vermittlerin). Dann rief eine Frau an, die ihn und nur ihn wollte. Wir haben 4 Monate überlegt, ob sie wirklich der richtige Platz für ihn ist. Schließlich hatte er in diesen drei Jahren auch einfach Eigenheiten entwickelt und ist schwierig geworden.

Ich habe ihn mir in Italien selber angeschaut und wir haben entschieden, dass er kommen kann. Es war dann so, dass sie nach ein paar Wochen gesagt hat, dass sie doch nicht mit ihm zurechtkommt. Wir sollten ein anderes Zuhause suchen. Da in ihm ein großer Anteil an Herdenschutzhund steckt, hatte er Probleme mit Besuch. Sie hat auch mit Hundetrainern gearbeitet, aber das hat nicht funktioniert. Jetzt habe ich ein dreiviertel Jahr vergeblich eine Familie gesucht. Und nun hat sie mir vor zwei Wochen gesagt, sie behält ihn doch. Darüber habe ich mich richtig gefreut!

Es gibt auch Hunde, die ich in Italien kennengelernt habe. Wenn ich sie hier auslade, schleichen sie sich so ins Herz und das ist manchmal ein wenig tränenreich. Ich freue mich immer, auch wenn ein Welpe schnell vermittelt wird. Aber noch mehr freue ich mich, wenn es die Hunde sind, bei denen man denkt, dass es schwierig wird, dafür jemanden zu finden.

Was kannst du den Menschen ans Herz legen, die sich überlegen, einen Hund aus dem Ausland bei sich aufzunehmen?

Bei uns im großen Mariechen Chat war jetzt erst eine Diskussion darüber. Ich merke immer häufiger, dass die Leute nach drei bis vier Tagen sagen: „Der macht mir noch in die Wohnung, das gibt‘s doch nicht“. Aber es ist doch logisch, dass er das noch nicht kann. Vielleicht lebte er vorher bei einem Jäger mit anderen 50 Hunden oder auf der Straße. Anschließend hat er im Tierheim in seinen Zwinger gemacht. Woher soll er wissen, dass wir es jetzt schlecht finden, wenn er in die Wohnung macht?

Und dann melden sich die Leute nach einer Woche und denken, dass sie sich das anders vorgestellt haben. Sie glauben, dass sie sich damit übernommen haben oder doch nicht die richtigen Leute für den Hund sind. Eine Kollegin schrieb, dass ein Hund aus dem Tierschutz, der nach Deutschland kommt, einfach sein Gepäck dabei hat. Manche haben nur Handgepäck, das ist relativ schnell ausgeladen und manche haben aber den 20kg  Koffer dabei und der wird nach und nach ausgepackt. Manchmal muss man aber Sachen wieder zurück packen. So ist das einfach mit Hunden aus dem Tierschutz. Sie machen 3 Schritte vorwärts und dann auch wieder 2 Schritte rückwärts.

Nicht der Hund entscheidet sich für ein Zuhause

Und ich muss immer sagen, dass nicht der Hund die Entscheidung trifft, dass er bei uns einzieht. Diese Entscheidung treffen wir für den Hund. Es ist dem Hund gegenüber nicht fair, wenn wir von ihm verlangen, dass er sofort perfekt sein muss. Wir sprechen hier von einem Lebewesen, der seine Geschichte hat. Und das ist einfach anders als wenn ich hier zum Züchter gehe und mir einen Welpen mit 8 Wochen hole. Er hat noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ein Hund aus dem Tierschutz hatte oft ein schlimmes Leben.

Ich habe auch das Gefühl, dass es sich die Leute manchmal nicht gut überlegen, wenn sie einen Hund aus dem Tierschutz holen. Da ist zwar der Gedanke „Ach ja, da mach ich jetzt etwas Gutes“. Und ja, du machst da etwas Gutes. Aber sobald es kleine Schwierigkeiten gibt, heißt es: „Puh, das hab ich mir nicht so vorgestellt, das ist mir jetzt doch zu anstrengend“.

„Ich finde es schade, wenn die Leute zu schnell aufgeben“

Ich finde es schade, wenn die Leute zu schnell aufgeben. Es ist ein Lebewesen. Wenn ich mich entscheide, dass der Hund bei mir einzieht, dann zieht er bei mir ein. Und das ist etwas, was ich den Leuten gerne mitgeben möchte, sich das von vorne herein gut zu überlegen. Denn der Hund hat ein Paket. Er hat Ängste und ich habe mich beispielsweise ja bewusst für die Primel als extreme Angsthündin entschieden. Selbst ich als Hundetrainerin habe mich immer wieder mal gefragt, ob das nicht eine Nummer zu groß für mich war. Aber wenn man sich bewusst für einen Hund aus dem Tierschutz beziehungsweise Ausland entscheidet, dann sollte man auch dabei bleiben.

Man muss einfach schauen, dass man sich auf alle Eventualitäten einstellt und vor allem im Vorfeld  vom Schlechtesten ausgeht. Wenn ich beispielsweise weiß, dass der Hund etwas ängstlich ist, sage ich nicht: „Na ja, die hat halt ein bisschen Angst“. Ich sage den Menschen: „Das ist ein ganz schlimmer Angsthund. Den können Sie nicht alleine ohne Leine in den Garten lassen“. Wenn es dann nicht so schlimm kommt, ist es ja super für den Hund und für die Familie.

Findest du, dass das breit gefächerte Engagement aus Deutschland, sich für Hunde aus dem Ausland einzusetzen, ganz gut aufgestellt ist? Oder hast du eher das Gefühl, dass diese ehrenamtliche Aufgabe wie ein Tropfen auf dem heißen Stein zu betrachten ist?

Ich gehe jetzt mal von Italien aus und bringe als Beispiel die Chiara. Sie macht seit 20 Jahren Tierschutz in Italien und hat vielleicht 4 bis 5 Kolleginnen, die sie da unterstützen. In 20 (!) Jahren. Und obwohl Italien in der EU ist, ist das Land in Sachen Tierschutz nicht so weit wie in Deutschland. In Sachen Tierethik sind sie dort weit zurück. Und je weiter südlich du kommst, das merken wir sehr deutlich, desto weniger ist das noch die EU.

Wir haben zum Beispiel eine neue Kollegin bei Neapel, die ein Tierheim in Italien aufbauen möchte. Seit 3 Jahren wartet sie nun schon auf eine Zusage von der Stadt! Sie hat schon viele Euros reingesteckt, bekommt einfach keine Antwort und wird hingehalten. Wir kommen hier in Deutschland eigentlich nicht über den Punkt hinaus, die Kolleginnen vor Ort mehr unterstützen können. Zum Beispiel wäre mehr Aufklärungsarbeit wichtig.

Unterschiede in der Tierhaltung im Vergleich zu Deutschland

Beispielsweise ist in der Toskana das Hauptproblem nicht der Straßenhund. Das Hauptproblem ist der Jäger, der Schäfer, sind Familien, die sich einfach so Hunde anschaffen. In Italien geht zum Beispiel niemand mit dem Hund spazieren. Wenn ich 5 Tage in Italien bin, sehe ich nirgendwo jemanden, der mit seinem Hund raus geht – nirgendwo. Das ist doch krass! Wenn ich übers Land fahre und an teuren Villen vorbei komme, haben alle Zwinger, in denen die Hunde leben. Freilich gibt‘s hier in Deutschland auch Zwingerhaltung und das ist unter bestimmten Auflagen auch erlaubt.

Jedenfalls können wir nicht selber mal zu einem Jäger gehen und sagen: „Mensch, was du machst ist doch scheiße“. Wir unterstützen Chiara und sagen ihr, dass sie das den Jägern immer wieder sagen soll. Und es wird ganz langsam auch besser. Es zeigen sich erste Erfolge. Inzwischen ruft der Jäger wenigstens an und sagt: „Der Hund wurde gerade bei der Jagd verletzt. Entweder du holst ihn oder ich erschieße ihn“. Das wäre so vor 20 Jahren noch nicht mal möglich gewesen.

Tierschutz: Manchmal wie der Tropfen auf dem heißen Stein

Ein anderes Beispiel ist: Während Corona war es den Leuten in Italien nicht erlaubt, mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Es wird schon Leute geben, die Gassi gehen, ich sehe nur nie welche. Die Jäger jedenfalls aber durften mit ihren Hunden auf die Jagd. So ist auch das Gewicht der Gesetze in Italien. Aber ist das nicht grotesk? Und ja, da fühle ich mich manchmal, als wenn unsere Arbeit wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Aber es ist ein Tropfen. Und wenn ein Tropfen für einen Hund steht, dann ist es immerhin der eine Hund, den ich noch retten konnte. Weil wir die Hunde retten und sie hierher holen, hat Chiara wieder freie Plätze, um neue Notfälle aufnehmen zu können. Wenn es uns nicht gäbe, würden die Hunde alle erschossen werden, denn dann hätten wir keine Unterbringungsmöglichkeit.

„Aber er ist mir wichtig, dieser Tropfen“

Im südlicheren Teil bekommen wir selten Hunde von Jägern. Dort gibt es viele ausgesetzte Jagdhunde. Unsere Kollegin dort macht seit 10 Jahren im Süden aktiven Tierschutz. Da ist es zum Beispiel noch nicht so, dass der Jäger den schwangeren Hund abgibt. Vor allem wenn es wahrscheinlich keine reinrassigen Welpen werden. In Italien ist der Jäger nämlich auch immer ein Züchter.

Das Ziel muss natürlich immer sein, dass das Land irgendwann soweit ist festzustellen, dass es so nicht funktioniert. Aber das ist ein weiter Weg. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass die Kolleginnen in Italien mehr Mitstreiter bekommen, weil nur das kann die Lösung sein: vor Ort mit dem Jäger, dem Schäfer und auch anderen Leuten sprechen, damit bei denen ein Umdenken stattfinden kann. Und ich kann helfen, in dem ich versuche, der Chiara die vielen geschundenen Hunde abzunehmen. Und ja, es ist der Tropfen auf dem heißen Stein, aber er ist mir wichtig, dieser Tropfen.

Vielen Dank für dieses tolle Interview!

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