Die kleinen Dinge, die einen Hund unvergesslich machen

Ein Hundeleben besteht nur selten aus Postkartenmotiven. Meist sind es nasse Pfoten, feste Rituale und diese ganz besonderen Blicke, die später im Herzen bleiben.

Von Verena Glass

Wenn ich an die schönsten Jahre mit Camiro und Loretta denke, sehe ich erstaunlich selten zuerst Geburtstage, Urlaube oder besonders gelungene Fotos. Ich sehe einen nassen Hund im Flur. Ich höre Krallen auf dem Boden. Und ich erinnere mich an einen Blick, der unmissverständlich sagte: Du hast den Kühlschrank geöffnet. Wir beide wissen, was jetzt zu tun ist.

Ein Hundeleben besteht nämlich erstaunlich selten aus Postkartenmotiven. Es besteht aus Mittwochmorgen. Aus einer Leine, die immer am selben Haken hängt, Sand im Auto und der festen Überzeugung, dass ein Stück Käse selbstverständlich zum Haushaltsbudget gehört. Genau diese unscheinbaren Dinge sind es, die einen Hund später so unverwechselbar machen.

Hunde führen einen strengeren Kalender als wir

Camiro, mein Lagotto Romagnolo, hatte einen Tagesablauf, gegen den jeder Terminkalender nachlässig wirkte. Frühstück war keine Mahlzeit, sondern eine verbindliche Vereinbarung. Der Briefträger war kein Mensch mit Tasche, sondern ein täglich wiederkehrender Sicherheitsvorfall. Am Grill des Nachbarn vorbeizuschlendern war kein Betteln. Es war Qualitätskontrolle.

Samstags gab es außerdem die Chance auf eine Ecke Schinken. Camiro kannte weder Wochentage noch Kalender, aber er kannte Samstag. Vermutlich roch Samstag anders. Vielleicht roch er einfach nach Schinken.

Als Lagotto hätte er übrigens Trüffel finden sollen. Camiro fand einmal eine alte Kartoffel. Er trug sie mit einer Würde nach Hause, als hätte er soeben die gesamte Familienfinanzierung gerettet. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu erklären, dass zwischen Trüffel und Kartoffel wirtschaftlich ein gewisser Unterschied besteht.

Von außen sah es vielleicht so aus, als läge dieser Hund viel herum. In Wahrheit leitete er einen Haushalt. Er kontrollierte Türen, Essenszeiten, Familienmitglieder und die allgemeine Stimmung. Seine Bezahlung war überschaubar, aber regelmäßig. Vor allem samstags.

Aus Gewohnheiten wird Zuhause

Hunde merken sich nicht nur unsere Abläufe. Sie werden ein Teil davon. Camiro wusste, wann der Junge aus der Schule kam, lange bevor ich auf die Uhr sah. Er kannte unsere Schritte, unsere Stimmen und vermutlich auch jede kleine Notlüge, die mit dem Satz begann: Ich gehe nur ganz kurz weg.

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Er durfte nicht auf das Sofa. Das war zumindest die offizielle Familienregel. Camiro behandelte sie wie einen unverbindlichen Vorschlag. Sobald niemand hinsah, lag er dort. Erwischte man ihn, schaute er nicht schuldbewusst. Er sah eher aus, als hätte er das Sofa gerade vor einem schwerwiegenden Zwischenfall bewahrt.

Und dann war da Loretta. Wo Camiro die Würde eines älteren Herrn pflegte, brachte sie Bewegung in jede Ordnung. Sie schnarchte, mischte sich ein und bewachte ihren Napf so gründlich, dass er anschließend meist leer war. Gemeinsam waren die beiden kein harmonisch einstudiertes Duo. Sie waren Familie. Und Familie erkennt man bekanntlich nicht daran, dass alles leise und ordentlich zugeht.

Die schönsten Erinnerungen tragen selten eine Schleife

Wir Menschen glauben gern, besondere Erinnerungen müssten auch besonders aussehen. Ein Sonnenuntergang am Meer, eine Wanderung mit Aussicht, ein Hund, der für das Foto ausnahmsweise in die richtige Richtung schaut. Solche Bilder sind schön. Aber sie erzählen nur einen kleinen Teil.

Die Wahrheit steckt oft in den Fotos, die verwackelt sind. In dem Bild, auf dem der Hund halb aus dem Rahmen läuft. In Schlamm bis zu den Ohren, einem Handtuch auf dem Küchenboden und der Frage, warum ein nasser Hund ausgerechnet jetzt beschlossen hat, sich zu schütteln.

Ein perfektes Foto zeigt, wie ein Hund aussah. Ein unperfektes erinnert daran, wie sich das gemeinsame Leben angefühlt hat.

Bei Camiro denke ich deshalb nicht zuerst an den würdevollen Lagotto auf einem schönen Bild. Ich denke an Sand im Fell, den heimlichen Sofaplatz und seinen Gesichtsausdruck, wenn wir Menschen wieder etwas unnötig kompliziert machten. Bei Loretta höre ich das Schnarchen. Es war nicht dezent. Es war eine akustische Anwesenheitsbestätigung.

Ein Hund misst die Zeit anders

Camiro sah unseren Sohn vom kleinen Jungen zum jungen Mann werden. Für uns lagen dazwischen Schuljahre, Termine, Sorgen und unzählige Veränderungen. Für Camiro bestand diese Zeit aus gemeinsamem Warten, Abholen, Spielen und Dabeisein. Er fragte nicht, ob ein Tag erfolgreich gewesen war. Es genügte ihm, dass wir wieder da waren.

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Vielleicht sind Hunde deshalb so eng mit unseren Erinnerungen verbunden. Sie stehen still in einem Leben, das sich dauernd verändert. Plötzlich wissen wir nicht mehr genau, in welchem Jahr etwas war. Aber wir wissen noch, welcher Hund neben uns lag. Wir erinnern uns an eine Wohnung, weil sein Körbchen dort am Fenster stand. An einen Sommer, weil er jeden Abend dieselbe Stelle im Garten wählte. An eine schwierige Zeit, weil sich ein warmer Hundekopf wortlos auf unser Knie legte.

Hunde schreiben keine Tagebücher. Und trotzdem werden sie zu unserem persönlichsten Kalender.

Was heute nervt, fehlt irgendwann

Natürlich ist das Leben mit Hund nicht nur poetisch. Es gibt Haare an Orten, an denen medizinisch betrachtet nie ein Hund gewesen sein kann. Es gibt nasse Pfoten auf frisch gewischtem Boden und den Moment, in dem man nachts beinahe über ein Tier stolpert, das sich exakt in den einzigen Laufweg gelegt hat.

Manche Hunde begleiten ihren Menschen sogar ins Bad, weil Privatsphäre aus Hundesicht ein riskantes Modekonzept ist. Andere hören nur dann schlecht, wenn der eigene Name fällt. Das Öffnen einer Käsepackung nehmen sie dagegen noch durch zwei geschlossene Türen wahr.

Im Alltag seufzen wir darüber. Später würden wir viel dafür geben, noch einmal über dieselben Pfoten zu steigen oder diesen Blick am Kühlschrank zu sehen. Das ist kein Grund, jeden Matschfleck begeistert zu begrüßen. Es ist nur eine leise Erinnerung daran, dass selbst das vermeintlich Nervige zum gemeinsamen Leben gehört.

Den heutigen Mittwoch nicht übersehen

Wir müssen mit unseren Hunden nicht jeden Tag etwas Außergewöhnliches erleben. Ein Hund braucht kein Drehbuch, um aus einem Tag einen guten Tag zu machen. Ein vertrauter Weg, ein interessanter Geruch, ein Platz in unserer Nähe und das Gefühl, dazuzugehören, reichen oft erstaunlich weit.

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Vielleicht lohnt es sich, heute einmal genau hinzusehen. Wie klingt der Hund, wenn er schläft? Auf welcher Seite trägt er die Leine? Was tut er immer, wenn jemand nach Hause kommt? Welches völlig sinnlose Ritual ist ihm heilig? Man kann solche Dinge aufschreiben. Man kann ein schlechtes Foto davon machen. Oder man legt einfach die Hand auf seinen Kopf und bleibt einen Augenblick länger sitzen.

Nicht, weil jeder Moment konserviert werden muss. Sondern weil wir im Alltag so leicht übersehen, dass das große Glück manchmal gerade unter dem Tisch liegt und auf ein herunterfallendes Stück Brot wartet.

Warum aus den kleinen Dingen ein Buch wurde

Als Camiro und Loretta nicht mehr da waren, hatte ich Angst, dass ihre letzten Tage alles überlagern könnten. Dabei waren diese Tage nur ein winziger Teil ihrer Geschichte. Vorher lagen vierzehn Jahre voller Eigenheiten, Familienleben, Waldwege, Schinken, Schlamm, Liebe und Hundelogik.

Deshalb habe ich „Als der Himmel nach Hund roch“ geschrieben. Camiro erzählt darin von der Regenbogenbrücke aus sein ganzes Hundeleben. Natürlich gehört der Abschied dazu. Vor allem aber geht es um das Leben davor. Um all das, was zum Lachen brachte, manchmal die Nerven kostete und später unbezahlbar wurde.

Ein Hund wird nicht unvergesslich, weil jeder gemeinsame Tag groß war. Er wird unvergesslich, weil er an so vielen gewöhnlichen Tagen da war.

Ein Hundeleben war nie das Sterben. Ein Hundeleben war alles davor.

 

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Mehr zum Buch: verena-glass.com/als-der-himmel-nach-hund-roch/

Über die Autorin

Verena Glass lebt mit ihrer Familie in Paderborn. Sie ist Germanistin, Autorin, Lektorin und seit mehr als zwanzig Jahren als Ghostwriterin tätig. Normalerweise gibt sie den Geschichten anderer Menschen eine Stimme. Mit „Als der Himmel nach Hund roch“ hat sie Camiro und Loretta ihre eigene gegeben.

Kontakt

Verena Glass

E-Mail: verenaglass@t-online.de

Website: https://verena-glass.com

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