Was ist eigentlich Medical Training?

Canisbalance Sabrina Hofman-Fuchs

Ein Interview mit Sabrina Hofmann-Fuchs, Gründerin von CanisBalance

Ein Tierarztbesuch ist für viele Hunde purer Stress. Zittern, Hecheln, Fluchtversuche – wer seinen Hund schon einmal auf dem Behandlungstisch festhalten musste, weiß, wie hilflos sich das für beide Seiten anfühlt. Sabrina Hofmann-Fuchs will das ändern. Sie ist zertifizierte „Mindful Medical-Training Trainerin“ und Gründerin von CanisBalance. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, was Medical Training eigentlich ist, warum es weit über den Tierarztbesuch hinausgeht und warum sie es als eine Haltung versteht, nicht als Trainingsmethode.

Frau Hofmann-Fuchs, was genau ist Medical Training?

Frage: Wenn man „Medical Training“ hört, denkt man zuerst an den Tierarzt. Ist das der richtige Ausgangspunkt?

Sabrina: Viele denken tatsächlich zuerst an tierärztliche Behandlungen. Dabei beginnt Medical Training oft schon viel früher, mitten im ganz normalen Alltag zu Hause. Bürsten im Fellwechsel kann für einen Hund mit längerem Fell sehr unangenehm sein. Krallen schneiden, Fieber messen oder die Ohren kontrollieren ebenfalls. Spätestens wenn ein Hund eine Augen- oder Ohrenentzündung hat und zweimal täglich Tropfen bekommen muss, kann aus einer kleinen Pflegemaßnahme schnell die Hölle werden und zwar für den Hund und für seinen Menschen.

Frage: Aber im Grunde geht es doch um Gehorsam, oder? Der Hund muss eben stillhalten.

Sabrina: Nein, genau das ist für mich nicht der Kern. In meinem Training geht es nicht darum, dass ein Hund einfach funktioniert. Es geht darum, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen, ihm Sicherheit zu geben und echte Zusammenarbeit möglich zu machen. Wie eine liebe Kollegin von mir einmal treffend formuliert hat: Medical Training ist gelebter Tierschutz. Genau das ist für mich der Kern und deshalb ist es mir auch so wichtig, weil es den Alltag für Hunde und ihre Menschen leichter machen kann und Vertrauen schafft, wo vorher vielleicht Unsicherheit, Stress oder sogar Angst waren.

Warum ist das für den Hund eigentlich so schlimm?

Frage: Viele Halter fragen sich: Warum die große Aufregung? Es passiert doch nichts wirklich Schlimmes.

Sabrina: Diese Frage höre ich oft. Schließlich tut das Bürsten oder Krallenschneiden nicht wirklich weh und die Tropfen sind medizinisch notwendig. Aber versuch einmal, dich in die Lage deines Hundes zu versetzen: Stell dir vor, du brauchst Augentropfen oder musst Fieber messen. Zwei Menschen halten dich so fest, dass du keine Chance hast auszuweichen. Dann werden Dinge mit dir gemacht, die du nicht verstehst und denen du nicht entkommen kannst.

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Das ist Kontrollverlust und der fühlt sich für unsere Hunde genauso schlimm an, wie er sich für uns anfühlen würde.

Frage: Ich vermute, dass viele Hundehalter sagen würden: Da muss ein Hund eben durch, gerade bei akuten medizinischen Maßnahmen.

Sabrina: Ein „Da muss er jetzt durch“ ist für mich trotzdem keine Lösung. Es mag im Moment funktionieren, aber es hinterlässt Spuren: mehr Stress, mehr Widerstand und noch mehr Angst bei der nächsten Behandlung. Genau da setzt Medical Training an.e

Was genau gehört zum Medical Training?

Frage: Welche Situationen übst du konkret?

Sabrina: Im Medical Training üben wir Alltagssituationen systematisch und in kleinen, für den Hund verständlichen Schritten, wie zum Beispiel Krallen schneiden, Bürsten und Fellpflege, Fieber messen, Augen- oder Ohrentropfen geben. Aber auch Maulkorb- und Manteltraining gehören für mich dazu oder das tägliche Anziehen des Geschirrs oder Halsbandes. All diese Dinge kann ein Hund lernen, in Kooperation mit seinem Menschen zu machen  und nicht, weil er keine andere Wahl hat, sondern weil er versteht, was passiert und weil er weiß, dass er mitentscheiden darf. Es wird im fortgeschrittenen Stadium auch direkt in der Tierarztpraxis oder der Physio trainiert, um den Kontext zu ändern.

Frage: Ab welchem Alter kann man damit anfangen?

Sabrina: Am besten so früh wie möglich, idealerweise schon im Welpenalter. Aber auch erwachsene und sogar ältere Hunde können jederzeit einsteigen. Es ist nie zu spät, einem Hund beizubringen, dass er bei Pflege- und Behandlungssituationen mitbestimmen darf.

Frage: Und wie lange dauert es, bis so eine Übung wirklich sitzt?

Sabrina: Das hängt sehr vom individuellen Hund, seiner Vorgeschichte und der jeweiligen Übung ab. Manche Hunde machen schon nach wenigen Trainingseinheiten deutliche Fortschritte, bei anderen – besonders wenn bereits negative Erfahrungen vorliegen – braucht es mehr Geduld und Zeit. Wichtig ist, dass das Tempo immer der Hund bestimmt, nicht ein fester Zeitplan.

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Was lernt eigentlich der Mensch dabei?

Frage: Man könnte meinen, im Medical Training lernt vor allem der Hund. Stimmt das?

Sabrina: Das Besondere ist, dass es keine Einbahnstraße ist. Während der Hund lernt, kooperativ an Pflege- und Untersuchungssituationen mitzuwirken, lernt gleichzeitig auch der Mensch sehr viel. Er lernt, seinem Hund ein Mitspracherecht zu geben. Der Hund darf aussteigen, wenn es ihm zu viel wird. Er darf zeigen, dass er eine Pause braucht und er darf erfahren, dass seine Signale zählen.

Genau dadurch entsteht Sicherheit. Der Hund lernt, dass seine Grenzen nicht ständig überschritten werden und dass seine Bezugsperson nicht einfach über ihn hinweg entscheidet. Ein Hund, der kooperieren darf und sich sicher fühlt, entwickelt auch eine andere Beziehung zu seinem Menschen. Eine Beziehung, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert statt auf Zwang oder Überwältigung.

Der Mensch lernt seinen Hund zu lesen und zu verstehen. Er lernt auch seine Grenzen zu respektieren und das Training so zu gestalten, dass es für den Hund stressfrei ist. Das Training wird in den meisten Fällen leider erst gestartet, wenn der Hund bereits Angst hat und wenn der Hund mit der Situation zurechtkommt, dann geht es der Bezugsperson auch besser.

Eine Haltung, keine Technik

Frage: Sie sprechen oft davon, dass Medical Training mehr ist als eine Methode. Was meinen Sie damit?

Sabrina: Für mich ist Medical Training nicht nur eine Trainingsmethode. Es ist eine Haltung. Eine Haltung, die sagt: Auch bei notwendigen, manchmal unangenehmen Maßnahmen hat mein Hund ein Recht auf Mitsprache und Würde. Ich glaube, das bringt es ziemlich genau auf den Punkt.

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Muss man dafür zu Ihnen vor Ort kommen?

Frage: Nicht jeder wohnt in der Nähe von Cuxhaven. Kann man Medical Training auch aus der Ferne lernen?

Sabrina: Ja, das geht sehr gut. Viele Grundlagen und Übungen lassen sich hervorragend online erarbeiten, zum Beispiel per Videocoaching oder in begleiteten Online-Kursen. Man übt dabei im eigenen Tempo und in gewohnter Umgebung mit dem eigenen Hund, bekommt aber trotzdem gezieltes Feedback und individuelle Anleitung zu jedem Trainingsschritt.

Frage: Für wen eignet sich das besonders?

Sabrina: Gerade für den Einstieg ist das eine wunderbare, flexible Möglichkeit, mit dem Training zu beginnen, unabhängig davon, wo man wohnt. Bei CanisBalance biete ich deshalb sowohl individuelles Präsenztraining als auch Online-Coaching an, das genau auf den jeweiligen Hund und seine Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Zum Abschluss

Frage: Warum haben Sie sich ausgerechnet auf Medical Training spezialisiert?

Sabrina: Ich möchte die Welt für unsere Hunde, aber auch für ihre Menschen, ein kleines bisschen besser machen. Ich möchte den Alltag für beide leichter gestalten und Vertrauen dorthin zurückbringen, wo es vielleicht schon verloren gegangen ist. Denn ein Hund, der sich zu Hause sicher fühlt, geht auch entspannter durch den Rest seines Lebens, egal ob beim Tierarzt, beim Bürsten oder im ganz normalen Alltag.

Ich danke Sabrina Hofmann-Fuchs für das offene Gespräch und die spannenden Einblicke in ihre Arbeit bei CanisBalance.

 

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