Interview mit Sonja Pfeifer zum Thema Hüten und Hütehunde

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Wenn ich Herden sehe und beobachten darf, wie die Hunde ihre Arbeit erledigen, bin ich jedesmal sehr fasziniert. Wie lernen diese Hunde ihren Job und wie gestaltet sich die Ausbildung? Sonja Pfeifer bildet Hütehunde aus und gab Antworten auf meine Fragen.

 

Zunächst die Frage: Eignet sich jeder Hütehund gleich gut für die Hütearbeit oder gibt es da Unterschiede? Falls ja, woran macht es sich bemerkbar, ob ein Hund zum Hüten geeignet ist oder nicht?

Vorweg muss gesagt werden, dass der „Hütehund“ bereits ein Spezialist in seinem Gebiet ist. Der Überbegriff für den umgangssprachlichen Hütehund ist eigentlich der Herdengebrauchshund. Dieser Begriff fasst mehrere Arten von Hunden zusammen, die alle eines gemeinsam haben; sie arbeiten mit ihren Besitzern an Herden und erledigen gewisse Aufgaben. Man unterscheidet zwischen:

  • Treibhunden
  • Koppelgebrauchshunden
  • Hüte- bzw. Schäferhunden und
  • Herdenschutzhunden

Wie der Name „Treibhund“ bereits vermuten lässt, wurden diese Hunde dazu eingesetzt – meist Großvieh – zu treiben. Dabei bleiben diese Hunde hinter und an der Seite vom Vieh und treiben es unter anderem mit Bellen voran. Die bekanntesten Rassevertreter für Treibhunde sind sicher die Schweizer Sennhunde aber auch der Australien Cattledog.

Vertreter der Koppelgebrauchshunde arbeiten meist an Einzeltieren oder Kleingruppen auf weitläufigen Weiden oder Koppeln und Schäfereien. Diese Hunde agieren im Gegensatz zu den klassischen Hüte- bzw. Schäferhunden auf Distanz und bewegen das Vieh mit dem „Auge“. Hauptaufgabe der Koppelgebrauchshunde ist das „Treiben“, das „Aus- und Einpferchen“ und das „Sortieren“ der Tiere. Der bekannteste Rassevertreter ist hier sicherlich der Border Collie, aber auch der Bearded Collie und der Working Kelpie zählen zu den Koppelgebrauchshunden.

Die klassischen Hüte- bzw. Schäferhunde wurden hingegen für beengte Verhältnisse gezüchtet. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, den Weidezaun durch ihr permanentes auf und ab patrolieren an einer vom Schäfer vorgegeben Linie – der sogenannten „Furche“ – zu ersetzen. Aber auch beim Viehtrieb von einer Weide zur nächsten werden sie vom Besitzer zum „Wehren“ abgesetzt um zu verhindern, dass die Tiere den falschen Weg nehmen oder sich verletzten. Bekannte Rassevertreter sind hier vor allem die ganzen Schäferhunde, aber auch die vom FCI nicht anerkannten Altdeutschen Hütehunde wie Harzer Fuchs, Tiger, Westerwälder/Siegerländer Kuhhund.

Die letzte Kategorie der Herdengebrauchshunde umfasst die Herdenschutzhunde. Ihre Aufgabe ist die Weidetiere gegen Angriffe von Dieben und von Raubtieren zu schützen. Diese Hunde werden als Welpe bereits auf die zu beschützenden Tiere geprägt und verstehen diese später als ein Teil ihres Rudels, welches es zu schützen gilt. Die Vertreter der Herdenschutzhunde wie bswp. der Kangal aber auch der Pyrenäen Berghund arbeiten ohne Anweisungen und leben bei der Herde.

Die bekannteste Arbeitsweise in Österreich und Deutschland ist der Koppelgebrauchshund. Ich werde mich daher in weiterer Folge auf diese Arbeitsweise beschränken.

Wie bereits erwähnt arbeitet der Koppelgebrauchshund auf Distanz und mit „Auge“ das bedeutet, es eignen sich grundsätzlich nur jene Rassen als Koppelgebrauchshund die das „Auge zeigen“ in ihren Genen haben. Die Idee dieser Rassen ist es grundsätzlich das Vieh durch umkreisen einzusammeln und seinem Hundeführer zu- oder nachzutreiben. Dabei pendeln diese Hunde selbstständig hinter dem Vieh und bewegen es durch „anstarren“ in der klassischen „geduckten Haltung“.

Foto: Sonja Pfeifer

Auch in der Rasse selbst eignet sich nicht jeder Vertreter gleich gut als Koppelgebrauchshund. Gerade bei den Border Collies wird in den letzten Jahren immer mehr auf Schönheit anstatt auf Arbeitsleistung gezüchtet, was sich auch negativ auf die „Hüteeigenschaften“ der Rasse ausgewirkt hat. Der Border Collie bringt nämlich genetisch schon einiges mit, was ein guter Koppelgebrauchshund benötigt. So hat er die berühmte „12-Uhr-Position (also immer gegenüber von seinem Besitzer) genetisch verinnerlicht und wird diese immer selbst suchen.

Zur Frage, woran man merkt ob ein Hund zum Hüten geeignet ist oder nicht, kann ich nur sagen, dass muss man ausprobieren.

Wie werden die Hunde an die Herde geführt und wie sieht eine Ausbildung aus?

Vorweg, auch hier beschränke ich mich wiederum rein auf die Ausbildung zum Koppelgebrauchshund.

Wie überall in der Hundeausbildung gibt es auch die verschiedensten Meinungen darüber, wann der beste Zeitpunkt ist, einen Hund das erste Mal an das zu arbeitende Vieh zu lassen. Die einen sagen, der Hund sollte so früh wie möglich ans Vieh, die anderen lassen die Hunde nicht vor dem 1. Geburtstag ans Vieh. Meiner Meinung nach ist weder die eine noch die andere Ansicht völlig falsch. Ich persönlich mache das vom einzelnen Hund abhängig. So gibt es bspw. Hunde die interessieren sich mit 7-8 Monaten oder vielleicht sogar mit einem Jahr überhaupt nicht für das Vieh und dann gibt es wiederum solche Vertreter, die bereits mit 12 Wochen jede Gelegenheit nutzen, um am Vieh zu sein und dieses zu bewegen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie sich ein Hund das erste Mal am Vieh zeigt.

Ich unterscheide daher beim Aufbau zwischen:

  • Ausbildung eines Welpen / Junghundes und
  • Ausbildung eines erwachsenen Hundes

Bei der Ausbildung eines Welpen/Junghundes achte ich am Anfang eigentlich hauptsächlich darauf, dass der Hund keine schlechten Erfahrungen mit dem Vieh, insbesondere mit den elektrischen Weidezäunen macht. Darüber hinaus lernt der junge Hund bereits von Anfang an, dass man auch an Vieh vorbei gehen kann, ohne dieses zu hüten. Mit der richtigen Ausbildung beginne ich wie gesagt je nach Hund – frühestens aber mit 7 Monaten.

Bei der Ausbildung wird dann grundsätzlich nicht mehr unterschieden ob es sich um einen Junghund oder um einen erwachsenen Hund handelt. Zuerst stelle ich einen Roundpen (= einen Haag in dem die Schafe stehen und somit vor dem Hund geschützt sind) und lasse den Hund einfach mal von der Leine und schaue was der Hund von sich aus anbietet. Die einen interessieren sich gar nicht für die Schafe sondern schnüffeln lieber am Boden oder schauen sich die Umgebung an J Andere wiederum stürmen direkt auf die Schafe zu, verbellen diese oder wollen sie jagen. Das letzte Verhaltensmuster dass die Hunde zeigen – und somit für den Hundeführer später die am leichtesten zu führenden Hunde –  ist das ruhige Umkreisen der Schafe in einem angemessen Abstand oder das ruhige Hinlegen und Beobachten.

Je nachdem wie sich der Hund bei diesem Erstkontakt zeigt, gestaltet sich dann die weitere Ausbildung. Allen Varianten gemein ist, dass der Hund zuerst auf dem sogenannten „Zirkel“ die Balance (= das pendeln zwischen 10 Uhr und 2 Uhr) und das verlässliche Stoppen auf allen Positionen und Abrufen lernt.

Die Zirkelarbeit

Bei der Hütearbeit wird grundsätzlich „nach“ der Uhr gearbeitet. Dabei befinden sich die Schafe immer zwischen dem Hundeführer und dem Hund. Auf der unten dargestellten Abbildung wäre der Hund gerade auf der 2 Uhr. Um die Schafe auf direktem Weg zu seinem Hundeführer zu bringen müsste der Hund auf die 12 Uhr-Position.

Grafische Darstellung der Uhr

12uhr Hütehundausbildung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Je nach Hund wird die Zirkelarbeit entweder an eingezäunten Tieren trainiert oder ohne Zaun.

Die Ausbildungsdauer hängt immer davon ab, wie das Grundverhalten eines Hundes gegenüber dem Vieh ist. Ein Hund der genetisch viel mitbringt, dazu ein Hundeführer der schon einmal einen Hund am Vieh ausgebildet hat, wird sicher schneller „einsatzbereit“ sein, als ein Hund dessen Idee es ist, das Vieh in alle Himmelsrichtungen zu verteilen und dazu ein Hundeführer, der seinen ersten Hund am Vieh ausbildet.

Ein altes Sprichwort sagt, dass ein Hund unter jeder Pfote ein Jahr haben muss – dann ist er geistig erwachsen!

Wo kann man seinen Hund ausbilden lassen? Gibt es bestimmte Schule?

In Deutschland ist die Hüte-Szene mittlerweile doch recht groß und es werden immer wieder über den ABCD. eV Seminare angeboten. (Homepage: www.abcdev.de) aber auch der Club für britische Hütehunde (www.cfbrh.de) vermittelt Ausbildungsmöglichkeiten.

In Österreich ist einmal der Österreichische Hütehundeclub (www.asds.at) und auch der Club für britische Hütehunde (ÖCBH www.huetehunde.at) der geeignete Ansprechpartner.

In der Schweiz gibt es die Swiss sheepdogsociety (www.ssds.ch) aber auch der Border Collie Club (www.border-collie-club.ch) die Ausbildungsmöglichkeiten anbieten.

Gibt es alternative Beschäftigungen die dem Hüten ähnlich sind?

Meine Antwort ist hier ein klares NEIN, die gibt es nicht. Viele behaupten zwar, dass die relativ neue Sportart „Treibball“ Ähnlichkeiten aufweise, aber dies verneine ich vehement. Und zwar aus folgendem Grund. Damit ein Hund hüten kann, muss er lebendiges Vieh vor der Nase haben. Viele Border Collies die kein Vieh haben, suchen sich „Ersatzhüteobjekte“ (Menschen, Autos aber auch andere Hunde udgl.) – dies sollte unbedingt unterbunden werden, da es sowohl für den Menschen als auch für den Hund sehr gefährlich werden kann (Hund rennt vor ein Auto, mit der Absicht es zu stoppen oder Hund holt Fahrradfahrer vom Fahrrad weil er es stoppen möchte).

Dennoch kann meines Erachtens ein Hütehund auch ohne Hüten glücklich werden. Solange ein Hütehund eine artgerechte (sprich geistige) Beschäftigung erhält, kann ein Hütehund durchaus auch ohne Vieh glücklich werden. Ganz nac

h dem Motto, was er nicht kennt, vermisst er auch nicht!!! Fatal ist es daher meiner Meinung nach, wenn man sagt, ich probiere mal das Hüten aus, obwohl man gar keine Möglichkeit hat, dem Hund das dann wirklich zu bieten. Ganz nach dem Motto: Schlafende Hunde soll man nicht wecken!!

Allerdings gibt es auch Vertreter dieser Rassen, die nur dann glücklich und vor allem händelbar sind, wenn sie hüten dürfen!!!

Ich möchte daher jedem, der mit dem Gedanken spielt sich einen Hütehund als Partner zu holen bitten, sich zu überlegen, ob er den gewillt und auch die Möglichkeit hat, für den Fall, dass sein Hund unbedingt hüten möchte, ihm dies ermöglichen kann. Sollte dies nicht der Fall sein, so gibt es viele andere vergleichbare Rassen, die nicht solche Spezialisten sind. Als Beispiel sei hier für den Agilitysport der Sheltie, aber auch der FlatcoatedRetriever (Arbeitslinie) genannt.

2 Kommentare

  • Eva

    Sehr schön erklärt, toller Artikel und ich habe wieder Neues erfahren, danke dafür!
    Ich finde die sogenannte “Border-Pest” im Hundesport auch etwas heftig. Die Hunde werden zwar auch gefordert, aber ich kann mir gut vorstellen, dass da bei einigen Hunden mit starkem Hütetrieb immer was auf der Strecke bleibt.

  • Natalie und Honey

    Ich finde den Bericht sehr informativ und habe neues gelernt, frage mich jetzt allerdings, ob nur reinrassige Hunde als Hütehunde ausgebildet werden. Meine kleine ist nun etwas über ein einjähriger Mix und hat gestern kurzerhand entschlossen drei entlaufene Heidschnucken zu hüten… nicht ganz nach meinem Wunsch, aber sie hat mich damit doch neugierig gemacht, ob das vielleicht die richtige Beschäftigung für sie/uns sein könnte
    Ich weiß nicht genau, was bei ihr drin ist, von väterlicher Seite angeblich Labrador und Boxer und von der ihrer Mutter ein Schäferhundmix. Die Hütehundeanteile müssten also eigentlich gering sein, kommen aber anscheinend durch. Sie ist unglaublich klug und kaum müde zu kriegen, könnte das vielleicht ihre Berufung sein?

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