Wenn Hundeohren plötzlich auf Durchzug stehen…

… sollte sich Frauchen oder Herrchen einmal selbstreflektieren. Über das Thema Selbstreflexion im Bezug auf die Hundeerziehung habe ich bereits in diesem Blog geschrieben. Da ich auch nur ein Mensch bin, brauchte ich vor kurzem einen Hinweis von anderen Menschen, damit ich noch einmal genauer auf mich schaue.

Von entspannten zu angespannten Spaziergängen

Mit meiner 2-jährigen Hündin habe ich die täglichen Spaziergänge als entspannend empfunden. Klar, es gab Tage, da machte sie mehr Unsinn und in manchen Situationen war es natürlich auch mal weniger entspannend. Generell hatten wir beide uns aber gut aufeinander eingestellt. Ich redete leise mit ihr und gab nur dann ein Kommando, wenn es wirklich notwendig war. Ansonsten genossen wir gemeinsam und jeder auf seine Art die Spaziergänge durch die Natur.

Auf einmal standen Emmas Ohren immer mehr auf Durchzug. Es schien so, als würde sie eine zweite Pubertät durchlaufen. Sie wurde in ihren Bewegungen hektischer, achtete immer weniger auf mich, jagte öfter Kaninchen hinterher und allmählich verflog der Entspannungsfaktor bei den Spaziergängen.

Ich wurde auch immer hektischer –  merkte es jedoch zunächst nicht. Irgendwann merkte ich aber, dass ich viel lauter mit ihr redete, ja, es waren Kommandos im Kasernenton. Das gefiel mir überhaupt nicht. Was war passiert? War es tatsächlich eine zweite Pubertät? Daran konnte ich nicht so ganz glauben.

Ich versuchte Hilfe in Foren und Facebook-Gruppen zu bekommen. Es wurde empfohlen, Emma wieder an die Schleppleine zu nehmen und erneut Rückruf etc. aufzubauen. Mein Bauchgefühl sagte: Nö, das ist nicht die Methode, die zu uns passt und die jetzt sinnvoll ist. Warum nicht? An der Schleppleine verhält sich Emma anders als im Freilauf. Da bleibt sie beispielsweise stehen, wenn ein Kaninchen den Weg kreuzt. Sie ist ja nicht dumm und weiß, dass der Ruck schmerzt, wenn sie an der Leine lospreschen würde. Ich wusste einfach, dass die Schleppleine nicht das ist, was Emma und ich brauchten.

Dann probierte ich eine Methode aus, die Emma davon abhalten sollte, hinter Kaninchen herzulaufen: Stück Leine am Halsband lassen. Zuerst sah es so aus, als wäre das die Lösung gewesen, denn Emma blieb tatsächlich stehen, wenn sie einen Hasen sah. Der Erfolg hielt aber nur wenige Tage an. Dann wurde es eher schlimmer, statt besser.

Ein Hinweis eines Userin einer Facebook-Gruppe sowie Hinweise meines Mannes brachten mich endlich wieder zur Selbstreflexion und das war schließlich der Schlüssel für die Lösung, die Emma und mich wieder auf den richtigen Weg brachten.

Hund und Mensch – ein Wechselspiel der Emotionen

Eine Userin riet mir, einmal genauer darauf zu achten, wie ich mich verhalte. Wie passte meine Körpersprache mit meinen Worten und meinem Handeln zusammen? Mein Mann wies mich darauf hin, dass ich Emma in letzter Zeit viel zu oft rufe oder ermahne.

Dieses Feedback nutzte ich zur Selbstreflexion. Bei den nächsten Spaziergängen beobachtete ich in erster Linie mich selbst. Dadurch fiel mir Folgendes auf:

  • Generell gehe ich morgens gerne in schnellerem Tempo spazieren. Jetzt ging ich nicht nur schnell, sondern förmlich gehetzt durch die Gegend.
  • Emma bleibt gerne stehen und schaut sich die Gegend an. Manche würden es als Scannen bezeichnen. Ich hatte es mir angewöhnt, zwischendurch neben ihr stehen zu bleiben, sodass wir gemeinsam schauen, was da so los oder nicht los ist. Jetzt blieb ich nicht mehr stehen, sondern hatte es scheinbar furchtbar eilig.
  • Ich stellte erschrocken fest, wie oft ich versucht war, Emma zu rufen oder zu ermahnen. Da ich mich nun beobachtete, schluckte ich die Worte aber hinunter und sprach sie nicht aus.
  • Schon vor den Spaziergängen sah ich vor meinem geistigen Auge, wie Emma Hasen jagte oder wie eine Wilde die Berge rauf oder Böschungen runter rannte. Bei der Vorstellung, dass ich sie wieder gefühlte hundert Mal ermahnen muss, brach mir schon beinahe der Schweiß aus, bevor ich überhaupt losging.

Na da hatte sich ja etwas Tolles entwickelt (Ironie). Mir wurde erst dann bewusst, dass ich in der Zeit, als das „Drama“ anfing, innerlich gestresst war und unter Druck stand – es gibt halt Lebensphasen, die weniger entspannt verlaufen.

Hunde spüren natürlich die Gefühlslage ihrer Menschen. Mir wurde ganz klar, dass es keine zweite Pubertät war, sondern ein Wechselspiel der Gefühle: Frauchen gestresst und hektisch – Hund wird ebenfalls hektisch – Frauchen wird noch hektischer, weil Hundeohren auf Durchzug stehen – Hund stellt Ohren noch mehr auf Durchzug, weil Frauchen mit ihrer Lautstärke und ihrem Verhalten nicht mehr ernst zu nehmen ist – Frauchen benimmt sich immer mehr wie ein Körperklaus – usw.

Eigenes Verhalten ändern und wieder als Hund-Mensch-Team Spaziergänge genießen

Diese Erkenntnisse waren zwar unschön, aber auch hilfreich. Jetzt konnte ich etwas ändern und das tat ich umgehend:

  • Ich hörte auf, mir schon vorher das Drama in Perfektion vorzustellen, sondern stellte mir vor, wie Emma und ich entspannt die Natur erkunden.
  • Meine Lautstärke drosselte ich wieder auf einen angenehmen und vor allem freundlichen Ton. Emma ermahne oder rufe ich wieder nur dann, wenn es notwendig ist und nicht schon als Vorbeugung.
  • Ich gehe immer noch bei den Morgenrunden schnellen Schrittes, aber ohne es eilig zu haben: Wir schauen uns wieder gemeinsam die Gegend an, indem wir stehenbleiben und einfach nur gucken.

Das Resultat: Die Spaziergänge sind wieder herrlich entspannend. Emma achtet auf mich und wir verstehen uns, ohne dass ich viele Worte nutzen muss. Sie ist keine typische Jägerin und somit rennt sie kaum noch Kaninchen nach. Ihre Bewegungen sind wieder ruhig und entspannt.

Selbstreflexion – ein wichtiger Baustein für das Hund-Mensch-Team und für ein harmonisches Zusammenleben.

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