Von Erziehung und Selbstreflexion

Hund ist eingezogen, Besitzer freuen sich wie verrückt und dann fangen die ersten „Probleme“ an. Im Hundebuch las sich das doch alles so einfach, mit der Erziehung… Aber die kleine Fellnase scheint nicht zu verstehen, was ich von ihr will.

Erziehungstipps und Umsetzung

Am Anfang ist die Geduld noch groß. Hund zieht an der Leine, aber er ist ja noch so klein und so lässt man ihn. Hund stürmt los, sobald er einen Artgenossen sieht, aber er ist ja noch so verspielt und so lässt man ihn. Hund interessiert es nicht wirklich, ob sein Mensch ihn ruft. Er schnüffelt weiter, denn der Geruch des Hasenbaus ist wesentlich interessanter. Naja, was solls, denkt der Hundehalter, Hund soll ruhig in Ruhe schnüffeln. Ist ja nicht so schlimm…

Emma schnüffelt_MC

Foto: MConsoir

Nach einigen Wochen aber sieht das Ganze etwas anders aus. Die lustige Fellnase hat sich zum Schlittenhund entwickelt und zieht munter und vergnügt seinen Menschen hinter sich her. Der findet das nun nicht mehr so lustig. Arme schmerzen, Beine schmerzen und überhaupt sind die Spaziergänge alles andere als entspannt. Dann sichtet der Lieblingshund auch noch einen Artgenossen…der Ruck der Leine lässt Mensch den Rücken in allen Einzelheiten spüren. Es nervt auch mittlerweile, wenn der Vierbeiner am Hasenbau festklebt, obwohl man lieber weitergehen möchte. Der Geduldsfaden reißt endgültig, nachdem man zehn Mal erfolglos „Komm her!“ gerufen, nein wohl eher gebrüllt hat und der Ruf unbeachtet verhallt.

 

 

„Mein Hund kapiert das nicht!“

Es ist natürlich etwas peinlich, wenn Du einem Nachbarn begegnest, aber nicht stehen bleiben kannst, weil Du von Deinem Hund über den Weg gezogen wirst. Du bist wahrscheinlich auch am Rande der Verzweiflung, wenn Dein Hund im erwachsenen Alter nicht das tut, was Du ihm sagst. Was sind die ersten Gedanken vom Halter, wenn der treue Gefährte die Ohren auf Durchzug stellt? „Mein Hund versteht nicht, was ich von ihm will!“ Der Hund ist also schuld…aha. Oder: „Mein Hund will einfach nicht hören!“ Vor Wut könntest Du platzen, du stampfst mit den Füßen auf und lässt eine wahre Schimpftirade los. Mal etwas vermenschlicht ausgedrückt, wird Dein Hund in dem Moment erstaunt sein: „Hilfe! Was will die/der von mir?“

Foto: Martin Toffel

Foto: Martin Toffel

Hund und Mensch lernen gleichzeitig

Bestenfalls lernen Hund und Mensch gleichzeitig und voneinander. Aber, nur die wenigsten Hundehalter suchen die Fehler bei sich selbst. Einige kaufen ein Buch nach dem anderen, um irgendwie die Supertipps zu bekommen, mit denen der Hund einfach und leicht gelenkt werden kann. Sie vergessen dabei, dass sie es sind, die dem Hund nicht vermitteln können, was von ihm verlangt wird. Das soll kein Vorwurf sein, sondern ein Denkanstoß. Auch ich lerne immer wieder von meiner jungen Hündin Emma, obwohl ich seit Kindheitstagen mit Hunden zusammenlebe. Sie lernt schnell und gerne. Warum also begreift sie scheinbar manche Dinge nicht? Eine gute Ausrede wäre die Pubertät, in der sie steckt. In dieser Flegelzeit probieren die Fellnasen selbstverständlich aus, wie weit sie gehen können. Trotzdem bedeutet das nicht, dass sie in dieser Zeit gar nicht gehorchen.

Zieht Dein Hund immer noch wie ein Verrückter an der Leine, hat er schlicht und ergreifend bisher nicht gelernt, dass dieses Verhalten unerwünscht ist. Du hast ihm etwas anderes beigebracht, ob bewusst oder unbewusst. Sonst würde er das nicht mehr tun. Wenn Du ihm mal erlaubst zu ziehen und am nächsten Tag erwartest, dass er locker an der Leine läuft, wird Dein Hund nicht verstehen, wieso es heute anders gehen sollte als gestern.

Und noch etwas: Hunde sind sehr feinfühlig und nehmen unsere Stimmungen auf. Wenn Du hektisch bist, kannst Du das verstecken wollen, wie Du willst – Dein Hund wird das spüren und sich dementsprechend verhalten.

Unsere treuen Vierbeiner können uns beibringen, uns selbst zu reflektieren: Warum bin ich wütend darüber, dass mein Hund nicht sofort kommt, wenn ich ihn rufe? Weshalb bin ich nur manchmal wütend darüber und an anderen Tagen (oder in anderen Situationen) nicht? Wieso habe ich meinen Hund über Wochen an der Leine ziehen lassen? Mitleid? Wollte ich als Gutmensch dastehen und dem Hund seinen Willen lassen? Was war es? Warum soll mein Hund auf Kommando einen Purzelbaum schlagen, Pfötchen geben oder einen doppelten Salto veranstalten? Weil der Hund Spaß daran hat oder weil ich Anerkennung erhalte? Wieso war ich bisher inkonsequent? Faulheit? Bequemlichkeit? Sei ehrlich zu Dir, wenn Du an Dir und dem Verhalten Deines Hundes arbeiten möchtest.

Der Hund muss uns verstehen lernen und wir müssen unsere Vierbeiner und uns selbst kennenlernen. Nur dann funktioniert eine Erziehung, die auf Vertrauen und Respekt aufgebaut wird.

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