Soll ich einen Straßenhund aufnehmen?

Wer mit dem Gedanken spielt, einen der vielen, ehemaligen Straßenhunde aufzunehmen, wird oft gewarnt: Vorsicht, die Hunde haben alle eine Macke. Nun ja, vielleicht haben sie das, aber mit Geduld und Feingefühl lassen sich die meisten dieser Hunde auf eine Beziehung zum Menschen ein.

Hundeelend im Urlaubsland

Ich wohne in Spanien. Ein Land, das nicht für seine Tierliebe bekannt ist. Viele – sehr viele – Hunde fristen ein Leben, das mehr Qual als Qualität beinhaltet. Junge Hunde sind beliebt und sie dienen oft als Spielzeug für die Kinder. Sobald die Hunde älter werden, entsorgt man sie. Dann gibt es die sensiblen Jagdhunde, Podencos und Galgos, die mehr als schlecht behandelt werden. Entweder hausen sie an kurzen Ketten oder in engen Verschlägen, dürfen hin und wieder mit zur Jagd und können froh sein, wenn sie täglich Futter und Wasser bekommen. Sind sie für die Jagd nicht mehr gut genug, landen sie auf der Straße, im Tierheim oder werden erhängt.

Touristen bekommen oftmals nicht mehr so viel von diesem Hundeelend mit. Es wird darauf geachtet, dass vor der Hochsaison kaum noch Hunde an den Stränden und durch die Orte laufen. Die Tierheime sind zum Bersten voll und nicht mit den Tierheimen Deutschlands zu vergleichen. Den Staat interessiert das Hundeelend nicht. Viele private Organisationen leisten enorme Hilfe und finanzieren sich aus Spendengeldern. Aber auch dort haben es die Hunde schwer, ein neues Zuhause zu finden.

Ich weiß nicht, wie viele klapperdürre Hunde ich schon gesehen habe. Ich kann die Hunde nicht mehr zählen, die mir an abgelegenen Stränden und im Inland begegnet sind – ängstlich, hungrig und auf der Suche nach etwas Futter. Hier ist mir noch kein freilaufender Hund begegnet, der aggressive Züge hatte. Vielmehr flüchten sie vor Menschen oder gehen nur sehr, sehr zögerlich auf Menschen zu. Sogenannte Macken haben diese Hunde garantiert. Die meisten dieser Fellnasen haben keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht. Und dennoch schaffen es diese Hunde, Vertrauen aufzubauen – zu Menschen, die es gut mit ihnen meinen.

Welcher Hund hat keine Macken?

Mal ganz ehrlich: Welcher Hund ist mackenfrei? Was aus einem Hund wird, hängt immer davon ab, wie mit ihm umgegangen wird, wie er aufwachsen durfte, ob er sozialisiert wurde und ob die Menschen in seinem bisherigen Leben ihn als fühlendes Wesen wahrnahmen. Selbst ein Welpe vom Züchter kann sich zum Problemhund entwickeln.

Ich will hier niemanden überreden, einen Straßenhund aufzunehmen. Aber, ich möchte für diese Hunde sprechen, denn sie alle haben ein gutes Leben verdient – wie alle anderen Lebewesen auf der Erde ebenso.

Drei ehemalige Straßenhunde  Foto: MConsoir

Hinten steht Lucky, vorne links sitzt die Emma und vorne rechts die Kimba
Foto: MConsoir

Ja, manche Hunde, die auf der Straße leben, haben Macken entwickelt. Meine verstorbene Hündin beispielsweise kam mit rund einem Jahr zu uns. Sie konnte nicht mit Artgenossen umgehen, griff sie direkt ohne Vorwarnung an. Bis sie zu einem Hund Vertrauen aufgebaut hatte, brauchte es immer längere Zeit. Ich gehe davon aus, dass sie nicht sozialisiert wurde, aber das ist nur eine Vermutung. Sie konnte mir leider nicht erzählen, wo und wie sie im ersten Jahr gelebt hatte. Diese „Macke“ blieb, doch hatte sie auch ganz liebenswerte Seiten. Meine Hündin Emma fanden wir mit geschätzten 6-8 Wochen. Sie war panisch und hatte Angst vor Männern. Heute ist sie elf Monate, freut sich über Mensch und Tier und ist eine fröhliche Hündin geworden. Dann gibt es in unserem Zuhause noch einen 12-jährigen Rüden. Auch er kam im ungefähren Alter von einem Jahr zu uns. Seine Macke ist das Streunen – eine Leidenschaft, die er nur zu gerne pflegt. Ansonsten ist dieser Hund pure Freundlichkeit.

Menschen, die ihre eigenen Macken annehmen und akzeptieren können, sind auch in der Lage, die Macken ihrer tierischen Freunde zu akzeptieren. Schließlich haben Mensch und Hund ihre eigene Persönlichkeit. Es sind keine funktionierenden Maschinen, sondern Lebewesen mit Seele. Wer das noch nicht verstanden hat, sollte bitte komplett auf ein Tier verzichten.

Womit musst Du rechnen, wenn Du einen Straßenhund aufnimmst?

Es ist schwer bis unmöglich zu sagen, was auf einen zukommt, wenn ein ehemaliger Straßenhund ins Haus zieht. Es gibt die unterschiedlichsten Varianten. Manche Hunde binden sich sofort an ihr neues Frauchen oder Herrchen und integrieren sich ohne Probleme. Andere müssen zunächst erfahren, dass sie Vertrauen zu Menschen haben können. Je nachdem wo der Hund bisher gel

ebt hat, ist er noch nicht stubenrein. Hat der Vierbeiner bisher nicht in direkter Nähe zum Menschen gelebt, fehlt jegliches Grundgehorsam.

Wie bei allen Hunden, die in ein neues Zuhause kommen, muss sich auch ein ehemaliger Straßenhund an die Umgebung und seine Mitbewohner gewöhnen. Ansonsten würde ich sagen: Bringe viel Geduld mit und lass dem Hund und Dir genügend Zeit, um eine Vertrauensbasis zu schaffen.

Viele privat geführten Tierschutzorganisationen können häufig gute Auskünfte über die einzelnen Hunde geben. Sie wissen meist nicht, wie und wo der Vierbeiner gelebt hat, aber sie kennen ihre Eigenarten.

Rechnen muss man mit allem und nichts. Solch ein Hund ist eine „Wundertüte“ und besonders für Menschen geeignet, bei denen nicht alles planmäßig verlaufen muss, die sich auf individuelle Persönlichkeiten einstellen können. Es ist wie bei zwischenmenschlichen Beziehungen: Stimmt die Chemie, sind Probleme winzig klein.

Ein Kommentar

  • Unser kleiner Grieche Milo kam vor einem Jahr zu uns und auch wenn es anstrengend ist und uns oft den letzten Nerv kostet, so lieben wir ihn und könnten auf ein Leben ohne ihn nicht mehr verzichten. Es sind die kleinen Momente die das Glück ausmachen, die Momente in denen man seine Zufriedenheit spüren kann, die Momente in denen er mir sagen würde, wenn er denn sprechen könnte, danke dass ich hier sein darf und nicht mehr dort sein muss. Ich glaube Milo hat viel schlechtes gesehen und erlebt in seinen eineinhalb Jahren in Griechenland und manchmal hat er es noch immer nicht so richtig verstanden, dass das jetzt alles nie mehr passieren wird, aber eines Tages wird das alles hinter uns liegen, davon bin ich überzeugt…

Kommentar verfassen