Interview mit Hundetrainer Jörg Müller

Hallo Herr Müller, vielen Dank, dass Sie für dieses Interview bereitstehen.

Zunächst würde mich interessieren, wie Sie auf den Hund gekommen sind. Seit wann leben Sie mit Hunden zusammen?

Ich habe mich wohl als Kind von Menschen zu oft missverstanden gefühltund demzufolge die freundschaftliche Zuneigung zu und von Hunden und Tieren mit ca. 12 Jahren entdeckt. Seit dieser Zeit habe ich festgestellt, dass ich in der Lage bin, durch eine besondere Beobachtungsgabe eine intensivere und verständnisvollere Bindung zu Hunden aufzubauen und dadurch auch von Hunden durch den Respekt auch als „Familien-Mitglied“ akzeptiert wurde.

Seit dieser Zeit habe ich immer viel Zeit mit Tieren, insbesondere Hunden, verbracht und im Laufe der Jahre auch durch verschiedene Rassen sehr viel über das Verhalten und vielleicht auch über Ihre Rasseübergreifende Logik gelernt.

Sie haben sich auf die Resozialisierung von „Problemhunden“ spezialisiert. Wie entstand der Wunsch, sich Problemhunden anzunehmen?

Es war kein direkter Wunsch,mich um Problemhunde zu kümmern.

Kein Hund ist von Natur aus schlecht Foto: MConsoir

Kein Hund ist von Natur aus schlecht
Foto: MConsoir

Durch meine langjährigen Erfahrungen mit Hunden habe ich festgestellt, dass „Hunde-Seelen“ ja wie beim Menschen nicht von Grund auf schlecht sind, sondern dass es Gründe geben muss, warum sich einige Hunde gleicher Rasse dennoch sehr unterschiedlich aufführen. Entweder dem Menschen gegenüber, aber auch im Verhalten gegenüber anderen Hunden oder in einem Rudel. Diese Gründe herauszufinden und weiter an das Gute im Hund zu glauben, auch wenn der Hund deutliches Fehlverhalten zeigt, hat mich immer sehr motiviert.

Den Fehler im Leben des Tieres durch sein Verhalten herauszufinden, und dem Hund das zu geben, was ihm wahrscheinlich immer fehlte und er so dringend braucht, um seine Hunde-Persönlichkeit zu entfalten. Sehr oft ist es natürlich Vertrauen, aber auch Klarheit, Gradlinigkeit und Verständnis für bestimmte Rassemerkmale, die ein Hund auch ausleben muss.

Was sind die häufigsten Probleme, die bei diesen Hunden auftauchen?

Im Grunde ist es die fehlende, falsche oder missverständliche Kommunikation zwischen den Haltern und ihrem Hund. Aber auch die Chemie zwischen beiden stimmt manchmal nicht. Sofern der Halter zum Beispiel ungern vor die Tür geht, aber einen Hund mit Jagdtrieben hat, der auf seine Art und Weise gefordert werden will, kommen beide nicht auf den gleichen Nenner. Entweder ist der Halter über-fordert oder der Hund unter-fordert. Oder auch umgekehrt – beides ist nicht gut, und da muss sich dann der Halter auch umstellen, weil „Er“ oder „Sie“ es kann.

Sehr oft haben die Halter wie im richtigen Leben verlernt, den Hund zu beobachten, was er uns sagen will oder ihm die Aufmerksamkeit zu geben, die er braucht.

Der Hund weiß sehr oft nicht, was der da oben an der Leine wirklich von ihm will. Viele denken, ein Hund kann zuhören und Wörter verstehen, aber er interpretiert viel stärker Gestik, Laustärke, Tonfall und Laute und ist von diesen Informationen abhängig. Diese müssen klar sein, sonst entstehen sehr oft Missverständnisse und der Hund weiß einfach nicht, was von ihm verlangt oder erwartet wird und macht sein eigenes Ding.

Welche Rolle spielen die Hundehalter beim „Problemhund“?

Die größte Rolle spielt natürlich der Halter, denn kein Tier ist im Grunde aggressiv, und das ist nicht nur eine Floskel. Wenn ein Hundehalter mit einer falschen Einstellung an die Hundeerziehung geht, kann es nur schiefgehen. Daher ist bei Problemhunden die Arbeit auch intensiver, weil auch der Halter vielmehr über sich selbst lernen muss, als der Hund.

Gibt es bestimmte Rassen, die eher als andere zu Problemhunden werden können?

Keine Rasse an sich neigt zum Problemhund. Natürlich sind einige potenziell durch die Züchtung eher bereit, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen und zum Beispiel ein aggressiveres Verhalten an den Tag zu legen. Aber meistens sind es die Hunde, die in der Erziehung  vernachlässigt oder falsch behandelt werden und dann einfach als Problemhund abgestempelt werden – weil es für den Menschen oft eine einfachere Erklärung ist, jemand anderen die Schuld an etwas zu geben, was er im Grunde selbst versäumt oder hervorgerufen hat. Durch falsches Unterlassen oder durch falsches Tun.

Welche Faktoren sind entscheidend für den Erfolg der Resozialisierung?

Dass der Halter wirklich mitmacht und nicht nur nebenbei und oberflächlich. Es bringt keinem was, wenn der Hund mich als Hundetrainer versteht, aber der Halter nicht breit ist, an seinen Umgangsformen zu arbeiten. Viele glauben, mit ein paar billigen Tricks oder einem Zauberstab mal eben dem Hund was beibringen zu können, was jahrelang falsch gemacht wurde – vom Halter. An der offenen Sichtweise und dem Verständnis dem Hund gegenüber, wirklich etwas ändern zu wollen liegt das Wesen des Erfolges, nicht nur zwingend am Hund.

Haben Sie abschließend einen Tipp für die Hundehalter, die ganz am Anfang der Erziehung ihres Vierbeiners stehen?

Ja – Behandelt eure Tiere nicht wie Menschen, denn das verstehen sie nicht. Genauso, wie kein Mensch als Tier behandelt werden möchte. Ein Hund ist kein Schmuckstück oder eine Ware, die gekauft wird, weil einer Rasse ein bestimmtes Verhalten angedichtet wird, das sich von selbst entwickelt.

Man darf nicht vergessen, dass ein Tier keinen „Speicher“ hat, und es nur erlernt, indem man mit viel Übung, Ruhe, Konsequenz und Liebe an die Sache geht, bis einer der Schalter an- oder ausgeschaltet ist. Disziplin ist für einen Hund nichts Schlimmes. Nur wenn man dem Hund auch lehren kann, was falsch und richtig ist, wird es der Hund auch umsetzen. Es ist die Aufgabe und Verantwortung des Lehrenden dem Lernenden gegenüber, also die des Halters gegenüber dem Hund.

Wir Erwachsenen kennen es vielleicht aus der Schulzeit, in der ein Lehrer einen Sachverhalt nicht so erklären kann, dass es jeder in der Klasse versteht und den wenigen „Versagern“ dann Faulheit, Desinteresse und Gleichgültigkeit vorwirft. Das sind dann die „Problemhunde“, die dann alleine üben müssen oder Nachhilfe bekommen, damit sie nicht sitzenbleiben – man hätte es einzelnen vielleicht mal anders oder individueller erklären können. Prinzipiell kann es jeder verstehen, wenn man es mit Vernunft und Motivation erklärt bekommt.

Nur ein Hund kann sich das nicht selbstbeibringen oder seine Defizite „vernünftig“ erklären, das muss der Halter-Lehrer schon erkennen. Ein Hund vergisst bereits in den ersten 2- 3 Sekunden alles wieder, und in dieser kurzen Zeit muss das Lob oder die Korrektur kommen. Aber dafür sollte man schon erfahren sein, um anhand der Körperhaltung des Hundes frühzeitig zu erkennen, wann diese “Fehler“ passieren werden.

Der Hund hat im Gegensatz zu uns Menschen, jeden Tag erneut Lust darauf, was Neues zu erlernen und alte Zöpfe abzuschneiden.

Vielen lieben Dank für dieses Interview.. hat mir viel Spaß gemacht.

Gruß  Jörg Müller

Jörg Müller – Hundetrainer
DogWalkerEssen

Telefon – 0201 62 6666
Mobil – 0176 55 422 072
eMail – dogwalkeressen@gmail.com

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