Interview mit Frau Seger über ihr Emma-Mobil und tiergestützte Therapie

Frau Ivana Seger und ihre Labrador-Hündin Emma sind ein ganz besonderes Therapiebegleithunde-Team. Frau Seger ist examinierte Altenpflegerin und hat sich im Hospizwesen weitergebildet. Emma ist zertifizierte Therapiebegleithündin, die sich perfekt auf die einzelnen Menschen einstellen kann. Die Einsatzbereiche von Emma und ihrem Frauchen mit dem Emma-Mobil sind sehr vielseitig und unterschiedlich. Ich denke, dieses Interview wird Euch genauso sehr berühren wie mich, denn Emma und Frau Seger leisten wertvolle Hilfe.

 

Wie entstand die Idee, mit einem Hund anderen Menschen zu helfen?

Das war schon in Kindesalter ein Traum von mir…..

Nachdem ich meine Altenpflege-Ausbildung absolviert hatte, arbeitete ich in einer pyschiatrischen Klinik, um mehr Erfahrung sammeln zu können. Dort kam immer ein Besucher mit seinem Hund und was der Hund – alleine nur wegen seiner Anwesenheit – bei den Patienten bewirkte, war einfach unglaublich. Dies war der Moment, wo ich spürte, dass ich mich beruflich anders ausrichten wollte.

Ich suchte mir eine Labrador-Züchterin und bewarb mich mit einem 8 Wochen alten Welpen im Hospiz „Arche Noah“. Die Geschäftsleitung war damit einverstanden, dass Emma mit auf die Arbeit durfte. So begann Emmas Karriere….

Wie lange dauerte Emmas Ausbildung und wo wurde sie zum Therapiebegleithund ausgebildet?

Die Ausbildung dauerte 9 Monate und wurde in der Schule „Co-Therapeut-Hund“ in Drakenburg absolviert.

Ihre Einsatzbereiche sind ja sehr vielfältig. Können Sie ein bisschen über die Arbeit als Therapiebegleithund-Team im Hospiz erzählen?

Da ich selber 6 Jahre in einem stationären Hospiz gearbeitet habe, liegt daher auch unser Schwerpunkt auf die Betreuung dieser „Gäste“.

Die Menschen, die einen Hospizplatz aufsuchen müssen, sind regelrecht traumatisiert nach unzähligen, erfolglosen Krankenhausaufenthalten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass diese Personen dem Pflegepersonal sehr skeptisch gegenüber stehen. (Daher haben FachpflegerInnen auch nie weiße Dienstkleidung an). Emma hilft, indem sie dem Pflegepersonal als „Eisbrecher“ dient. Sie bringt alleine durch ihre Anwesenheit eine besondere Atmosphäre in das Hospiz. Die Gäste fühlen sich nicht wie in einer Klinik und das sollen sie auch nicht! Schließlich verbringen sie in einem Hospiz ihre letzten Tage, Wochen oder evtl. auch Monate. Emma ist aber auch für die Angehörigen ein „Rettungsanker“….

Sie müssen sich vorstellen, wie man sich als Angehöriger fühlen muss, wenn man seine Liebsten in einem Hospiz besucht. Es gleicht einer Achterbahnfahrt der Gefühle! Durch Emmas Anwesenheit in den Gästezimmern (sie wird regelmäßig von den Angehörigen mit auf die Zimmer genommen – nach Absprache -) kommen andere Gespräche zustande. Es geht mal nicht um Trauer, Tod, Schmerzen, Zukunftsängste oder Abschied.

Kurz bevor Menschen sterben, kommen sie in die sogenannte „präfinale Phase“. Die Atmung ändert sich, die Gesichtszüge werden „spitzer“, die Haut blasser und kälter. Für die meisten Angehörigen eine beängstliche Situation, in der sie nicht wissen, was sie tun sollen/können/müssen. Emma nimmt ihnen die Angst, indem sie ganz instinktiv und behutsam den Kontakt zu dem Angehörigen sucht und sich neben sie legt. ALLE Angehörigen verhalten sich dann gleich: Sie streicheln und sprechen mit Emma, so als ob sie sich selber Mut machen wollten für das, was gleich passieren wird.

Manche Sterbende können – aus den unterschiedlichsten Gründen – ab einem gewissen Zeitpunkt keine menschliche Nähe zulassen. Für Angehörige furchtbar, wollen sie doch nur die Hand halten…. Hier lege ich Emma zu dem Sterbenden ins Bett – mit phänomenaler Wirkung! Die Sterbenden können diese Art der Zuneigung gut tolerieren, werden sofort ruhiger und für die Angehörigen ist Emma eine „Zwischenstation“ von ihrer eigenen Hand zu dem Sterbenden. Viele Menschen sind so mit Emma im Arm verstorben.

Im Kinderhospiz „Bärenherz“ ist es zwar ähnlich, doch die Trauerarbeit von Kindern ist eine ganz andere, wie die von erwachsenen Menschen. Verstirbt ein Kind und hinterlässt auch Geschwister werden wir gerufen. Hier leistet Emma Trauerarbeit, die kaum ein Mensch leisten könnte. Die Kinder nehmen Emma, gehen mit ihr raus und scheinen zu spielen…. Doch dem ist nicht so! Sie weinen leise, spielen wieder Ball, weinen und schreien auch manchmal, aber Emma lässt sie einfach. Wir Menschen hingegen möchten durch körperliche Zuneigung helfen, aber genau das ist oft eine Grenzüberschreitung bei Kindern. Emma hilft, indem sie immer wieder den Ball holt, sich zu den Kindern legt, aber nichts einfordert.

Sie arbeiten mit Emma ebenso im Seniorenheim und dort unter anderem zwecks Gedächtnis- und Mobilisationstraining. Wie kann man sich das vorstellen?

Leider ist es häufig so, dass Senioren in ein Altenheim müssen, da sie sich alleine nicht mehr versorgen können und die Angehörigen keine Zeit haben. Doch wir sprechen hier einzig und allein über körperliche Fähigkeiten! Kognitiv sind viele Senioren noch fit!

Nicht alle Seniorenheime können die Senioren so fördern und fordern, dass die kognitive Fähigkeit erhalten bleibt.

Wenn ich mit Emma ein Seniorenheim aufsuche, dann nutze ich das Thema Hund auch. Fragen über eigene Haustiere, eigene lustige oder traurige Geschichten reichen oft aus, um eine Gruppenunterhaltung – die es sonst nie geben würde – in Gang zu setzten. Emma beherrscht sehr viele Tricks! Ein Würfel – der für solche Zwecke erfunden wurde – hilft nun. Jede Augenzahl steht für einen Trick. Die Senioren würfeln und sollen sagen, welchen Trick Emma vorführen soll…. In 90 % der Fälle, haben die Senioren Recht!

Bei vielen Senioren stagniert oder verringert sich die Motivation zur Bewegung. Hier setzte ich Emma ein, indem die Senioren einen Ball werfen und dem Hund dann ein Leckerlie geben dürfen. Sie glauben gar nicht, wie oft Senioren aufstehen, damit sie mehr Platz haben. Ohne den Hund – unvorstellbar!

Ein anderes Einsatzgebiet ist das mit Wachkomapatienten und Patienten, die vom Schlaganfall betroffen sind. Sinn des Einsatzes mit Emma ist die Wahrnehmungsförderung. Welche Rolle spielt die Hündin dabei?

Ein „Appaliker“ (so nennt man die Menschen, die eine schwere Schädigung des Gehirns erlitten haben) liegt normalerweise zu 90 % in seinem Bett. Seine Körperwahrnehmung ist daher zutiefst beeinträchtigt, was dazu führt, dass auch die eigenen Körpergrenzen nicht mehr wahrgenommen werden können. Hier lege ich Emma ganz bewusst neben die Körperregion, die laut Pflegepersonal, am stärsten betroffen ist. Erkennen kann ich ihre Wirkung anhand der Parameter, die mir der Monitor (Puls, Sauerstoffsättigung) zeigt. Es ist beachtlich, wie sich die Werte in einer Einheit stabilisieren.

Emma hilft Menschen in der Psychiatrie,  ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen und das Bewusstsein für Verantwortung zu steigern. Wie schafft sie das?

Das ist sehr einfach, wenn man bedenkt, dass gerade diese Menschen oft ein erschreckend niedriges Selbstwertgefühl besitzen.

Tiere haben uns einiges voraus. Sie bewerten nicht, sie fordern nichts – für diese Patienten ein wahrer Schatz. Denn genau dies könnten sie nicht erwidern! Sie spüren, dass Emma einfach „nur“ da ist. Sie geben ihr Leckerlies, streicheln sie und gehen mit ihr spazieren. Oft dauert es keine 5 Minuten, dann ändert sich ihre eigene Körperhaltung, sie wirken größer und durch viele Einsätze und Gespräche weiß ich, dass sie sich auch größer fühlen! Und wer mehr Selbstwertgefühl hat, kann besser mit sich selber umgehen!

Sie helfen auch Kindern und Jugendlichen bei der Förderung von Sprachentwicklung. Wie sieht Emmas Hilfe in diesem Bereich aus?

Hier nutze ich Emma als Zuhörer. Kinder mit Sprachstörungen haben oft eins gemein: Sie schämen sich, fühlen sich nicht anerkannt, isolieren sich. Ich gebe den Kindern die Aufgabe etwas dem Hund vorzulesen. Dies fällt ihnen wesentlich einfacher, da der Hund sie nicht verbessert oder rügt. Emma liegt einfach  nur mit dem Kind auf dem Boden und lauscht. Die Erfolgserlebnisse sind unfassbar – für Kind und Eltern!

Interessenten können ein Einzeltraining oder ein ganztägiges Training bei Ihnen buchen. An welche Gruppen oder Einzelpersonen richtet sich dieses Angebot?

An alle Personen, die in irgendeiner Weise Hilfe benötigen, die ihnen ein Mensch nicht geben kann….

Wir betreuen Kinder mit Hundephobie, werden von Angehörigen gerufen, die einen Hospizbesuch nicht alleine bewältigen können oder wollen, werden von Kindergärten für das Thema „Richtiger Umgang mit einem Hund“ gebucht.

Die meisten Anfragen erhalten wir über unsere Facebook-Seite „Emma – Heldin auf vier Pfoten“.

Vielen Dank, Frau Seger, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben!

Kontaktmöglichkeiten:

Ivana Seger

Hafenstraße 2

65439 Flörsheim

Telefon: 06145-9595009

Mobil: 0175-5666330

E-Mail: info@emmahilft.de

Facebook: Emma – Heldin auf vier Pfoten

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